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November
ein eichelhäher kündigt dein kommen den anderen waldbewohnern an. die birken und buchen um
dich herum scheinen jedoch keine notiz von dir zu nehmen. sie haben all ihre blätter abgeworfen,
um sich in sich selbst zurückzuziehen.
noch nie bist du am wochenende so früh aufgestanden, um spazieren zu gehen. doch der antrieb war
stärker als deine routine. es ist das leid, das dich aus der stadt in den wald führt, der wunsch es
hinter dir zu lassen, der drang es zu vergessen. dem treiben der menschen zu entfliehen, ihren
ansprüchen und ihrer aufdringlichkeiten, ihrer ganzen hässlichen penetranz. du warst lange in dieser
stadt, und sie macht dich allmählich krank. lullt dich ein, laugt dich aus, macht deinen geist träge
und stumpf, zwingt dich zur inneren emigration. auch hier kannst du ihrem lärm nicht entkommen.
zu nah die autobahn, zu regelmäßig fahren die züge durch das tal und schicken ihr dröhnen den
hang hinauf.
der himmel ist ein einziges grau, er hat keinen anfang und kein ende. feucht ist die luft und kalt und
kriecht in deine glieder. doch so lange du in bewegung bleibst, ist es in ordnung. du versuchst den
geräuschen des menschen zu entkommen, doch es ist hoffnungslos. hinter dem bergkamm lärmt
eine weitere straße im tal, und auch überfliegende flugzeuge zerschneiden die stille. hinter der
nächsten biegung packt ein stählernes ungetüm mit seinem greifarm herumliegende stämme und
äste, um so für ordnung im wald zu sorgen. das heulen seines motors und das getriebe seiner
beweglichen teile sind kilometerweit zu hören und verscheuchen die tiere. am wegesrand sind große
stämme aufgetürmt; auf ihren jahresringen leuchtend orange markierungen, deren bedeutung du
nicht kennst.
du hast kein ziel. mal biegst du links, mal rechts ab, immer weiter weg von den häusern, den autos,
den computern und ihren nutzern. fast schon trotzig schaltest du dein handy aus. es scheint alles
keinen sinn zu machen. und hier, zwischen den zweigen und stämmen, den aufgeregt flatternden
spatzen und kleibern, erkennst du den missklang der organisierten panik in dir selbst. die
unzufriedenheit brennt auch unter deinem brustbein, der wunsch jemand anderes zu sein ist der
antrieb, der ihr zu grunde liegt. wie bei den leuten in dem zug, der eben vorbei fuhr. immer auf der
jagd nach einer zukunft, die sie aus dem elend befreien soll. ein endloses rattenrennen hinter dem
scheinriesen her, den wir erschaffen, damit er uns auslacht. auch hier kannst du sein lachen hören,
schrill und durchdringend, vulgär und entstellt.
du steigst über eine umgestürzte buche. ihre zweige enden in frischen trieben, aus denen niemals
blätter sprießen werden. etwas in dir regt sich. etwas erwacht zum leben. eine flamme aus tiefer
ablehnung entzündet sich und aktiviert deine zellen. ein feuer, dass sich auflehnt gegen die kälte,
die aus dem tal nach oben strömt, und die auch in deinen knochen steckt. du siehst dich um und
erblickst diesen reichtum. du hebst den blick und schaust in den himmel, der an struktur gewonnen
hat. jetzt kannst du einzelne wolken erkennen, und zu dem grau gesellen sich weiß und mehrere
spielarten von blau. ein schwarm krähen fliegt in richtung süden. ihre manöver folgen einer
spontanen eingebung, reagieren auf unsichtbare veränderungen der luft, und den wechsel des
reliefs. in ihnen gibt es keinen widerstand, keinen missklang.
du bleibst stehen. du spürst keinen wind, keine bewegung der luft. doch drei benachbarte birken
wiegen leicht, aber deutlich wahrnehmbar, ihre kronen. ganz sanft biegen sich ihre kräftigen
stämme, die schon so manchem sturm standgehalten haben. du erkennst den frieden in ihrem wesen.
da ist kein streben, kein werden-wollen. sie müssen sich nach keinem ideal ausrichten, da sie bereits
sind. und dir wird klar, dass in dieser stummen akzeptanz und genügsamkeit das geheimnis ihrer
würde liegt. deine verzweiflung ist nun einer gespannten aufmerksamkeit gewichen. die person, die
hierher gekommen ist, um ihrem leid zu entkommen, endete in dem moment, in dem du von hier
nicht mehr getrennt warst. du hast aufgehört du zu sein, und gleichzeitig warst du noch nie mehr als
jetzt. jetzt, da du zum stillstand gekommen bist nicht aus einer entscheidung deines willens
heraus, sondern einfach so, unmittelbar offenbaren sich dir die unterschiedlichen zeiten der birken
und die der menschlichen bewegung. du musst nichts werden, nichts vergessen, da du bist, da du
teil hast am werden und vergehen. fast schon schämst du dich deiner selbstsucht, die dich hierher
geführt hat, ihrer nichtigkeit, ihrer begrenztheit. hier, zwischen den wiegenden birken, ist das alles
ohne bedeutung. der konflikt hat ein ende.
nach einer weile meldet sich dein magen zu wort, und auch deine eingefrorenen hände und füße
sagen dir, dass es nun zeit ist zurückzukehren. der lärm des tals nimmt nun wieder stetig zu. als du
den wald verlässt, schweift dein blick über die senke unter dir, die wie ein trog die töne und
gerüche, die schmerzen und die sorgen, das lachen und das weinen aufsammelt, so dass sich alles in
einem diffusen gemisch vereint - mit einem eigenen geruch, einem eigenen klang und eigener farbe.
die betriebsamkeit erfasst dich und erinnert dich daran, was du heute noch alles zu erledigen hast.
als du die ersten häuser erreichst, hörst du ein kind weinen. doch du weißt nicht wo es ist und
kannst es nicht trösten.
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