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Unruhen

"Schläfst du mit mir?" fragte sie mich plötzlich, als wir so nebeneinander im Bett lagen.
Ich antwortete nicht. Schweigend strich ich ihr mit der Hand über die Wange und betrachtete ihr Gesicht. In ihren Augen begegnete ich einem fragenden Blick.
"Ich kann nicht. Tut mir wirklich leid."
"Hast du dir vorhin einen runtergeholt?" fragte sie ganz unverblümt.
"Ja, dreimal sogar. Ich hatte nicht die beste Laune, weißt du."
Das war zwar eine gottverdammte Lüge, aber immerhin eine mit guter Absicht. Ich wollte sie nicht noch kränken, zusätzlich zu allem anderen. Und vielleicht würde sie mir diese Lüge sogar abnehmen. Besser wäre es sicherlich. Es lag mir nichts an Rache, ich konnte nur gerade einfach nicht mit ihr Sex haben. Nicht in diesem Moment. Es hätte sich irgendwie verdammt beschissen angefühlt, so nach Alibitat. Doch davon sagte ich nichts, stattdessen flüsterte ich nur:
"Tut mir wirklich leid, Schatz. Vielleicht schlafen wir einfach."
Sie nickte. Doch die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dann drehte sie sich auf die andere Seite.

Als sie am nächsten Morgen gegangen war, legte ich mich zurück ins Bett. Ich war mir sicher, ganz dringend nachdenken zu müssen. Doch ich starrte einfach nur die Decke an. Mein Geist war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Er war unruhig, schweifte mal hierhin und mal dorthin, ohne irgendwo länger zu verweilen. Und irgendwie schien sich das auch auf meine Hand zu übertragen. Schließlich landete sie in meiner Hose. Was war ich nur für ein elender Starrkopf! Natürlich hätte ich gern mit ihr geschlafen, wahnsinnig gern, aber ich hatte mir ja eingebildet, dass das in diesem Moment meinem ganzen Ärger die Glaubwürdigkeit geraubt, ja im Grunde gegen alles verstoßen hätte, woran ich glaubte. Und ich hatte mir eingebildet, eigentlich auch gar keine Lust zu haben. Noch nie hatte die Welt größeren Selbstbetrug gesehen! In Wirklichkeit ging es doch nur um mein gekränktes Ego; wenn ich ehrlich war, wollte ich einfach noch ein bisschen länger die beleidigte Leberwurst spielen. Und darum war sie heute morgen gegangen, ohne einen Kaffee mit mir zu trinken, und darum lag ich jetzt allein mit weit aufgerissenen Augen im Bett und starrte die Decke an, und darum würde ich mir jetzt selbst einen runterholen.

Später kochte ich Kaffee, holte die Zeitung und setzte mich aufs Bett. Unruhen im Kongo, Anschläge im Irak, die Bombe im Iran. Global gesehen hatte mein kleines Leben doch kaum Bedeutung. Vielleicht, ja vielleicht sollte ich darum einfach anfangen, es nicht mehr so ernst zu nehmen. Ich hatte Ernsthaftigkeit und Liebe zu lange für Geschwister gehalten, ja für Zwillinge gar, die untrennbar miteinander verbunden waren, aber wahrscheinlich stimmte das einfach nicht. Ich war 24. Ich hatte ein Recht auf mein kleines bisschen Unglück und Katastrophen ab und zu. Um 50 Jahre glücklich verheiratet zu sein, blieb mir noch mehr als genug Zeit.

Später telefonierten wir dann. Ich wusste gar nicht so genau, warum ich sie angerufen hatte. Vielleicht war es mein schlechtes Gewissen gewesen. Jetzt am Telefon fühlte ich mich irgendwie unwohl. Eigentlich hatte ich mich entschuldigen wollen. Dafür dass ich so stur und einfach so bescheuert war, aber ich war noch immer zu stolz. Stattdessen redete ich über das, was ich in der Zeitung gelesen hatte. Ich hielt Vorträge über die Gefahr der iranischen Atombombe und darüber, warum Israel sich bedroht fühlte. Ich dozierte auch über das heuchlerische Wesen des Westens, der anderen Ländern die Bombe zu verwehren versuchte und sie im gleichen Moment selbst besaß. Ich hatte mich in Rage geredet. Und so war es kein Wunder, dass ich auch bald bei den Verbrechen der hessischen Landesregierung ankam:
"Wir brauchen Unruhen wie in Paris. Alles andere hat doch keinen Zweck. Dieses Land hat schon viel zu viele friedliche Demonstrationen gesehen. Transparente tragende Studenten nimmt doch längst keiner mehr ernst. Und wen schockiert heute schon noch der Anblick nackter Leiber? Da können sich die Damen und Herren noch so oft in die Lahn stürzen. Die Sittenpolizei, der das sauer aufstoßen könnte, gibt’s nicht mehr. Und der Koch, der holt sich auf die Fernsehbilder doch höchstens einen runter!
Man muss denen beweisen, dass man es ernst meint und darum muss man ihnen weh tun. Man muss sie dort treffen, wo sie es merken. Klar könnte man das auch tun, indem sich alle Marburger Studenten aus Protest exmatrikulieren würden, aber wie wahrscheinlich ist das denn? Also muss man stören, sabotieren und kaputt machen! Und zwar nicht nur heute, sondern wochenlang. Das ist meine Meinung."
Ich hatte in das Telefon geschrieen. Es geschah öfter, dass ich Lautstärke mit Nachdrücklichkeit verwechselte, aber sie kannte das schon. Mein Vortrag war zu Ende. Eine unangenehme Stille folgte ihm. Nun war auch das letzte Gesprächsthema abgekaut, wobei von Gespräch zu sprechen, der Wahrheit nicht sehr nahe kam. Im Grunde hatte ich einen einzigen Monolog gehalten. Sie war ungewöhnlich still heute. Aber ich hatte ihr auch nicht viel Raum zum Reden gelassen, hatte sie gar nicht einbezogen, in das was ich sagte, hatte sie nicht einmal nach ihrer Meinung gefragt, ja nicht einmal danach, wie es ihr ginge. Im Grunde hätte ich dieses Gespräch genauso gut weiter mit der Decke führen können. Irgendwann legten wir einfach auf.

Den ganzen Tag irrte ich sinnlos durch die Stadt. Ich fühlte mich wie eine Drohne, deren Kontakt zum Mutterschiff abgerissen war, ohne Ziel und ohne Plan. Ich schlief schlecht und ich träumte noch schlechter. Sie verfolgte mich im Schlaf. Sie hielt mir meine Rede vor, die ich am Telefon gehalten hatte, verlangte, dass ich meinen Worten Taten folgen ließ und erklärte, weil ich nie antwortete, dass sie notfalls auch ohne mich etwas unternehmen würde. Und genau das tat sie. Ich musste zusehen, wie sie in Handschellen abgeführt wurde, weil sie versucht hatte, den Corts zu becircen und ihm dann bei einem romantischen Dinner den Wein zu vergiften. Später sah ich sie vermummt auf Bahngleisen sitzen und sich mit Steinen gegen die herannahende Polizei erwehren. Irgendwann kam die Müllabfuhr und ich wachte auf.

Der Kaffee schmeckte schal an diesem Morgen und die Zeitung hatte irgendwer geklaut. Vielleicht war sie auch einfach nicht gebracht worden. Jedenfalls fehlte sie. Obwohl ich wusste, dass all das, was ich geträumt hatte, nichts mit der Realität zu tun hatte, war mir unbehaglich zumute. Ich fühlte mich alles andere als wohl. Und in diesem Moment fährt immer ein Krankenwagen mit Blaulicht vorbei. Und ich fragte mich: War der vielleicht doch deinetwegen hier? War da doch irgendetwas? Und dann hörte ich von besetzten Bahngleisen im Radio und von angefahrenen Studenten und ich fühlte mich richtig beschissen. Ich versuchte dich zu erreichen und, obwohl es noch früh am Morgen war, ging niemand ans Telefon.
Ich war wütend, auf mich und meine Träume und auf die ganze Welt, die ihre elenden Spielchen mit mir trieb. Mir war extrem nach einer Prügelei zumute. Ich war so voll von Ärger und Wut. Doch als ich auf die Straße stürmte, fand sich dort niemand. Plötzlich liefen mir nur bonbonlutschende kleine Kinder und alte grauhaarige Damen mit Stock entgegen. Ich verfluchte, je nach Marburg gekommen zu sein.

Irgendwann klingelte doch noch das Telefon und sie war dran. Mit fiel eine ganze Ladung Steine vom Herzen. Ich erzählte ihr, was ich geträumt und dass ich mir Sorgen gemacht hatte.
"Ich hatte Angst um dich," sagte ich. Nichts als Stille am anderen Ende der Leitung.
"Ehrlich." versuchte ich das eben gesagte zu bekräftigen. Doch meine Glaubwürdigkeit schien nicht sonderlich gewonnen zu haben.
"Ach hör auf!" sagte sie. "Du musst mir nichts erzählen. Ich hab doch gemerkt, wie sich das zwischen uns verändert hat in letzter Zeit. In Wirklichkeit bin ich dir doch ziemlich egal geworden. Also mach mir nichts vor!"
Auf einmal fühlte ich mich schlecht, auf einmal begann ich mir all meine Sturheit vorzuwerfen, ehrlich vorzuwerfen, all die Hartherzigkeit und Gefühlskälte der letzten Tage. Auf einmal wollte ich mich wirklich entschuldigen, mich vor ihr in den Staub werfen, um Vergebung bitten, aber ich brachte kein einziges Wort hervor. Ich war wie versteinert, meine Lippen versiegelt. Ich spürte Tränen in den Augenwinkeln und dachte, jetzt bloß nicht weinen. Das würde mich vollends der Lächerlichkeit preisgeben. Ich wusste, sie hasste es mittlerweile, wenn ich zu heulen anfing. Männer weinen eben wirklich nicht.

Ich stand nur im T-Shirt vor ihrem Fenster und warf kleine Kieselsteine gegen das Glas. Es regnete leicht, wie schon den ganzen Tag. Der Asphalt war überall von einer dünnen Wasserschicht bedeckt. Durch die kaputten Sohlen meiner Schuhe war dieses Wasser mir schon bis an die Füße gekrochen und ich fror etwas. Endlich machte sie doch noch das Fenster auf. Mit Erstaunen im Blick sah sie von oben auf mich herab, der ich jämmerlich ausgesehen haben muss, wie ich halb durchgeweicht, mit nassen Haaren und nackten Armen auf der Straße vor ihrem Fenster stand. Die Szene hatte fürchterlich viel Pathos. Allein die Geigen fehlten.
"Darf ich raufkommen?" fragte ich.
"Warum?" erwiderte sie.
"Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Dafür dass ich so ein Idiot bin und für noch vieles mehr, aber ich traue mich nicht von hier unten."
Sie nickte. Diese Stufen zu ihr hinauf waren mein persönliches Canossa. Oben war die Tür nur angelehnt. Sie saß in eine Rauchwolke eingehüllt am Küchentisch. Der zweite Stuhl stand leicht zu mir gedreht und implizierte die Aufforderung, mich zu setzen. Nie zuvor war mir die Küchenlampe so grell erschienen. Es war ein gigantisches Tribunal und am liebsten wäre ich sofort weggerannt. Aber zum Rennen war es zu spät. Also begann ich zu reden und ich redete mich um Kopf und Kragen, holte weit aus, erklärte mich, reihte Entschuldigung an Entschuldigung und machte sicher alles nur noch schlimmer.

"Schläfst du mit mir?" fragte sie mich plötzlich.
Ein vorsichtiges Lächeln zog sich über mein Gesicht und ich nickte.

 

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