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Der einsame Revolutionär
Ich dachte mir nichts dabei, als er mich fragte, ob hier noch Platz frei wäre.
"Klar," antwortete ich ein wenig trocken und sah kurz auf. Dann setzte er sich mir gegenüber an den Tisch. Ich beachtete ihn nicht weiter, nippte an meinem Kaffee, fingerte das Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Kapitel sechs Verstecke. Der kleine Siggi sah sich mitten in der Nacht mit seinem aus dem Gefangenenlazarett geflüchteten Bruder konfrontiert, der ihm Sand ans Fenster warf und ihn anflehte, ihn zu verstecken. Als Siggi seinen Bruder gerade den Deich entlang zur alten Mühle zerrte, deren oberste Kammer – seine Kammer, wie Siggi sie nannte – als Versteck dienen sollte, begann mein Tischnachbar zu sprechen.
"Deutschstunde," sagte er. Auf dem Buchumschlag waren Autor und Titel deutlich zu erkennen. Ich nickte nur kurz und warf ihm einen prüfenden Blick zu. Ihn länger anzusehen wagte ich nicht. Schon als ich zu lesen begonnen hatte, hatte ich kurz zu ihm hinübergeblickt. Er war damit beschäftigt gewesen, sich eine Zigarette anzuzünden, doch wie, als hätte er meinen Blick gespürt, hatte er im selben Moment kurz aufgesehen, seltsam gegrinst und ich hatte in seinen Augen Avancen entdeckt, die ich dort nicht sehen wollte. So hatte ich mich eilig meinem Buch zugewandt.
"Von Siegfried Lenz," fuhr er unbeirrt fort. Ganz so, als war er es gewohnt, dass Menschen spröde auf seine Versuche reagierten, ein Gespräch zu beginnen.
Mehr als ein gequältes "hm" konnte er mir damit jedoch auch nicht entlocken. Immerhin schaute ich noch einmal kurz auf, bevor ich mich wieder meiner Lektüre zuwandte, in der Hoffnung ihn mit meinem steten Desinteresse zu zermürben.
Siggi führte seinen Bruder die Stufen hinauf bis ins scheinbar oberste Stockwerk der alten Mühle, in dem er jedoch eine Luke in der Decke öffnete und die Leiter herabzog, mit deren Hilfe sie beide noch ein Stück weiter hinauf in eine kleine Kammer direkt unter dem Dachstuhl gelangten. Während Siggis Bruder gerade das Versteck inspizierte und sein Blick auf die seltsamen Bilder traf, die Siggis geheime Sammlung darstellten, setzte die mir nun schon vertraute Stimme zu einem weiteren Gesprächsversuch an.
"Sind das Eintrittsbänder von Heavy-Metal-Konzerten?" fragte er mit Blick auf die Armbänder an meinem Handgelenk.
"Nein" antwortete ich. "Nicht von Heavy-Metal-Konzerten, aber von Rock-Festivals." Dann schwieg ich wieder und war gerade dabei zu meinem Buch zurückzukehren, als er fortfuhr:
"Ja, Festivals" sagte er und in seiner Stimme klang ein Hauch von Wehmut, so als dachte er zurück an seine Jugend, an Woodstock vielleicht.
"Festivals sind etwas Tolles" versuchte er den Faden fortzuführen. "Sehr abenteuerlich. Da erlebt man ein besonderes Beieinander."
Vielleicht sprach er auch noch von Gemeinschaftsgefühl, doch ich hörte schon nicht mehr genau zu. Ich sah ihn an und gleichzeitig durch ihn hindurch. Ich nickte ab und zu höflich zu dem, was er sagte, und erweckte so vielleicht den Glauben in ihm, nun doch mein Interesse gewonnen zu haben, doch im Grunde war es das reine Schauspiel. Erst als er von Plüschsesseln zu sprechen begann, kehrte meine Aufmerksamkeit zurück. Dabei war es nicht einmal konsequentes Weghören gewesen, das mich daran gehindert hatte, seinen Ausführungen zu folgen, vielmehr kreisten meine Gedanken darum, wie es mir gelingen könnte, möglichst höflich und unpeinlich dieses Gespräch zu beenden und mir meine liebgewonnene Einsamkeit zurückzuerobern.
"Man kann ja nicht immer in rosa Plüschsesseln sitzen." endete er. Und damit spielte er wahrscheinlich auf den eher rohen Charme eines doch häufig in regelrechte Schlammschlachten ausartenden Festivals an. Mir waren die Bilder vom diesjährigen Glastonburry-Festival vor Augen, auf denen man Typen in Faltbooten zwischen den völlig überfluteten Zelten herumfahren sah. Das ganze Gelände war zu einem Netz von Kanälen geworden.
"Wobei, so ein großer schöner Sessel, vor dem Kamin, ein gutes Glas Wein dazu und ein Freund oder eine Freundin – das hat schon was." fuhr er unbeirrt fort. Mir fiel sein eigentümlicher Sprachfluss auf, seinen Ausführungen und Aneinanderreihungen folgten stets lange Pausen, in denen er mich ansah, als erwarte er eine Reaktion, bevor er zu sprechen fortfuhr. Außerdem nahm diese letzte Anmerkung mir schließlich etwas von der Furcht, dass es sich bei seinem Gesprächsversuch um ein Manöver gehalten hatte, mit mir anzubandeln. Vielleicht hatte er beobachtet, wie ich der Bedienung hinterhergesehen hatte, vielleicht hatte ich mich aber auch einfach in ihm getäuscht. Doch auch wenn er mittlerweile zumindest teilweise meine Aufmerksamkeit gewonnen hatte, war es ihm noch immer nicht gelungen, mich tatsächlich in ein Gespräch zu verwickeln. Ich war ein harter Brocken.
Fast schon an eben dieser Hartnäckigkeit verzweifelt setzte er bald zum nächsten Versuch an. Er begann nun von sich zu sprechen. Ihm ginge es nicht gut, offenbarte er mir.
"Ich habe eine seelische Krankheit und die Gesellschaft, die erdrückt mich fast. Die Gesellschaft macht alles noch schlimmer, die Gesellschaft lässt mich leiden. Niemand hat Verständnis dafür."
Nein schlimmer noch, er sagte sogar: "Die Gesellschaft ist Schuld daran." Es war augenfällig, wie oft er von der Gesellschaft sprach. Er machte das große Ganze verantwortlich. Ich begann zu ahnen, dass ich es mit einem Systemkritiker zu tun hatte. Nie benannte er einzelnes, nie sprach er von etwas Konkretem. Er liebte das Abstrakte. Auch was genau es mit seiner Krankheit auf sich hatte, sagte er nicht.
"Und darum kämpfe ich für eine bessere Welt", brach er meine Gedanken ab. "Darum setze ich all meine Kraft für eine bessere, für eine kommunistische, für eine sozialistische, für eine pazifistische Welt ein. All meine Hoffnung ruht in der Revolution."
Vielleicht stimmt der letzte Satz gar nicht, vielleicht glaube ich ihn nur gehört zu haben, weil er so gut passen würde. Und doch begannen wir bald über die Revolution zu sprechen, da bin ich sicher, denn nun hatte er es tatsächlich geschafft, mich in dieses Gespräch hineinzuziehen. Mein Widerstand war gebrochen, der Reiz der Kontroverse schlicht zu groß. Und die kommunistische Revolution als Allheilmittel, das konnte ich keinesfalls so stehen lassen. Ich dachte an meine DDR Kindheit, an all die Geschichten meiner Eltern, an unseren ganz persönlichen Stasispitzel Lothar mit seinem Wohnmobil und dem Schäferhund, der es selbst vorzog im Westen zu leben und der uns jedesmal überwacht hatte, wenn wir in Karlsbad unsere Westverwandtschaft trafen. In den letzten Jahren hatte ich begonnen geradezu allergisch auf solche Reden wie die von den Salbungen des Sozialismus zu reagieren.
Er hatte von den Opfern der kapitalistischen Gesellschaft gesprochen, zu denen er sich offensichtlich selbst zählte. Also begann ich mit den Massakern unter Stalin. Es begann in mir zu kochen. Ich sah ihn an und dachte, wenn du schon so linksintellektuell reden musst und das Glück hattest, den Sozialismus nicht aus eigenem Erleben zu kennen, dann lies doch mal, wie das die Intellektuellen so machen– lies doch mal über die GULAGs. Fang doch an mit Semprun, dem spanischen Exilkommunisten, der aus Buchenwald zurückkehrte und sich Anfang der sechziger Jahre nur angewidert vom sowjetischen Stalinismus abwenden konnte, weil die sibirischen Arbeitslager den deutschen aufs Haar glichen. Und wenn du damit fertig bist, dann mach weiter mit Solschenizyn, dem Russen, der selbst Häftling im GULAG war, und der das wohl umfassendste Werk über die sowjetischen Arbeitslager verfasst hat.
Doch all das sagte ich nicht, ich dachte es nur. Ich blieb ganz wie er selbst im Allgemeinen, sprach kurz von den Säuberungen, der Verfolgung Andersgesinnter und deren Deportierung. Er hatte mich. Schließlich und endlich hatte er mich in dieses Gespräch hineingezogen, weit weg waren Siegfried Lenz und seine Deutschstunde. Jetzt ging es um die Wahrheit, so fühlte ich zumindest.
Er jedoch konterte gekonnt, wie jeder gute Ideologe:
"Du wirst doch nicht das Leben von ein paar Menschen, die sich gegen die Revolution stellen als so wichtig betrachten. Feinde der Revolution verdienen kein Mitleid." Er war erfolgreich indoktriniert.
"Doch, auch mit denen habe ich Mitleid, und zwar ganz genauso viel, wie mit jedem Opfer unseres derzeitigen Systems," antwortete ich. "Und im übrigen geht es etwa um 15 Millionen allein in den GULAGs." Keine Rede war von den Millionen Chinesen, die Opfer der Kulturrevolution geworden waren, den Hunderttausenden, die durch den Terror der Roten Khmer ihr Leben verloren hatten oder den wahrscheinlich gerade in diesem Moment verhungernden Nordkoreanern.
Er schüttelte nur ungläubig den Kopf, ganz so, als konnte er dies einfach nicht begreifen, als verstände er nicht, wie jemand so beschränkt im Denken sein konnte. Das war eben der Preis der zu zahlen war für die bessere Welt und den neuen Menschen. Das war doch ganz einfach. Mir war diese Rhetorik vertraut. Und doch wusste ich, dass er auch Recht hatte. Nicht mit den Salbungen des Kommunismus, aber damit, dass es ihm jetzt schlecht ging und die Gesellschaft daran nicht unschuldig war. Es war ihm anzusehen. Aus seinen Augen sprach sein ganzes Unverständnis für die Welt.
Ich begann, ihn ein wenig näher zu betrachten. Er war im Grunde nicht weiter auffällig. Ich hätte ihn vielleicht auf Anfang fünfzig geschätzt. Er trug sein schon leicht ergrautes Haar kurz geschnitten. Das hellbeige Hemd gab durch die oberen Knöpfe, die geöffnet waren, den Blick auf seine sonnengebräunte unbehaarte Brust frei. Dies verlieh ihm etwas zugleich revolutionäres als auch dandyhaftes. Er hatte den Prada-Meinhoff-Chic quasi verinnerlicht. Zudem begann mir sein permanentes Rauchen aufzufallen. Es verging kaum eine Sekunde, in der er nicht an einer Zigarette zog. Nachschub bezog er aus einem kleinen Metalletui, das sich bemühte so auszusehen, als wäre es von südamerikanischen Indios hergestellt. Das Design wirkte so aufgesetzt alternativ, dass es keine Spur alternativ mehr war. Revolutionskitsch dachte ich. Das befremdlichste an seiner Person waren jedoch nicht sein Aussehen oder die mit Allgemeinplätzen gespickten Reden, die er hielt, sondern die eigentümlich nervöse Mimik und das mehr als zweideutige Zungenspiel, das diese Reden begleitete. So verstand er es, mich stets in Unsicherheit darüber zu wiegen, mit welcher Motivation er sich denn letztendlich zu mir gesetzt hatte. Der Gedanke daran, dass es sich dabei um ein Manöver mit Hintergedanken handeln könnte, war einfach nicht totzukriegen.
Er brach dieses Gedankenspiel jedoch bald wieder ab, indem er dem bisher Gesagten noch eines draufsetzte: "So etwas sollte man nicht sagen dürfen. Man sollte nicht so über die Revolution reden dürfen."
"In unserem Land herrscht aber glücklicherweise Meinungsfreiheit," erwiderte ich streitsüchtig.
"Leider!" brummte er zurück. Dann schwiegen wir. Eine seltsame Pause entstand. Beide bemühten wir uns irgendwo hinzusehen, nur nicht zum anderen. Die Eskalation hatte ihren Höhepunkt erreicht. So ging es eine halbe Ewigkeit.
Dann stand er plötzlich auf, verabschiedete sich mit Dank für das interessante Gespräch und ging. Irgendwie fühlte ich mich geschlagen und viel mehr als das, irgendwie fühlte ich mich auch ein bisschen wie ein Idiot.
In den nächsten Tagen und Wochen hielt ich immer wieder nach ihm Ausschau. Ich hatte das unklare Bedürfnis etwas gutzumachen, aber er gab mir keine Gelegenheit mehr dazu. Als ich ihn einige Zeit später zufällig wiedersah, blickte er mich nur fragend an.
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