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Ein Tag mit Herrn Lehmann
Es war schon lange hell draußen als ich endlich erwachte. Die Sonne schien mir durchs Fenster auf den Kopf, der mal wieder hämmerte, als säße ein kleines Männchen darin und schlüge immerzu mit einem großen Hammer gegen die Innenseite der Schädelknochen. Der Wecker zeigte ein Uhr. Ein mühsamer Griff zur Fernbedienung ließ die gestern abend zuletzt erklungene Musik erneut ertönen. Es waren The Clash, die da aus den Boxen schepperten. Ich zog mir die Decke über den Kopf. Das half etwas gegen die verdammte Sonne. Erst als die Platte bei Should I Stay Or Should I Go angelangt war, entschied ich mich dem musikalischen Aufruf Folge zu leisten. Ich setzte mich im Bett auf, um festzustellen, dass mein Kopf das gar nicht gut fand. Wie ein Sack Mehl fiel ich zurück auf das Kissen. Zum Aufstehen war es immer noch zu früh.
Ich dachte an den gestrigen Abend zurück, den dritten Vollrausch in Folge. Irgendwie war ich gestern einfach die Straßen entlanggeirrt und irgendwann hatte ich beschlossen, die erste Kneipe auf der linken Straßenseite zu nehmen, die nicht nach einem Tier benannt war, so wie Hirsch zum Beispiel. Nach fünf Bier hatte ich angefangen mit der Bedienung zu flirten, was diese seltsamerweise rege erwidert hatte. Ich war bis zum Schluss geblieben. Um drei hatte der Laden dicht gemacht, sie hatte die Tische abgewischt und die Stühle hochgestellt, dann hatte sie mich rausgeschmissen und die Tür zugesperrt. Draußen hatte sie mir dann diesen seltsamen Blick zugeworfen, bei dem ich trotz des erheblichen Alkoholspiegels, den ich hatte, sofort wusste, was folgen würde.
"Kommst du mit zu mir?" hatte sie gefragt und dabei dieses Lächeln aufgesetzt, das von Anfang an der Grund für sämtliches Interesse an ihr gewesen war. Gerade so hatte ich die Kurve noch gekriegt. Ich hatte sie angesehen und mir war klar geworden, dass ich kurz davor war, riesengroße Scheiße zu bauen.
"Nee du, lass mal," hatte ich plötzlich gesagt. Dann hatte ich mich umgedreht und war weggerannt.
Nicht dass ich ein militanter Gegner von One Night Stands gewesen wäre, aber es kam doch auch ein bisschen auf das Timing an. Und das war gerade verdammt schlecht. Klar hatte ich mich einsam gefühlt, jetzt war das nicht anders, der Kater machte alles sogar noch schlimmer, doch manchmal gebot es schlicht der Anstand sich trotzdem zusammenzureißen. Sie würde mich hassen, wenn sie mich gestern hätte sehen können. Und ich könnte es ihr nicht verübeln. Auch wenn sie im Grunde keinen Anspruch mehr auf mich hatte, aber so etwas gehörte sich einfach nicht. So etwas tat man einfach nicht, nicht drei Tage, nachdem man sich getrennt hatte, auch wenn man sich noch so einsam und zurückgewiesen fühlte. Aber es war ja gerade noch einmal gut gegangen und jetzt hieß es aufstehen und zur Abwechslung vielleicht mal etwas auf die Reihe bekommen. Seit drei Tagen hatte mein Tag immer nur den selben Ablauf gehabt: Abends gesoffen bis es nicht mehr ging, dann irgendwie ins Bett und am nächsten morgen mit Schädel aufgewacht, dann irgendwie unter die Dusche und dann doch wieder in die gleichen Klamotten – war doch scheißegal jetzt, so wie eigentlich alles scheißegal war – irgendwann dann aus dem Haus, neuen Alkohol besorgt, zurück zu Hause bei trauriger Musik stundenlang die Decke angestarrt und sich überlegt, was gewesen wäre, wenn ... , irgendwann dann das erste Bier aufgemacht, dann das zweite, das dritte und so weiter, unterbrochen höchstens einmal von erquicklichem Baden in Selbstmitleid.
Aber jetzt war Schluss damit. Ich schleppte mich zur Dusche und drehte das kalte Wasser auf. Irgendwann musste Schluss sein mit Rummemmen. Einige Sekunden später entschied ich mich dann doch für das warme. Die erste Niederlage des Tages.
Als ich aus der Dusche kam und mich angezogen hatte, beschloss ich erst einmal neues Bier kaufen zu gehen, denn das war ja schon wieder alle und es gab nichts schlimmeres als abends apathisch und depressiv in seinem Zimmer herumzusitzen und nicht einmal Alkohol zu haben. Also machte ich mich mit dem leeren Kasten Oettinger auf den Weg zum Supermarkt. Beim Anblick der Flaschen wurde mir gleich wieder etwas flau im Magen. Warum musste ich auch dieses billige Zeug saufen? Aber auf Dauer ging das eben ins Geld.
Als ich mit dem neuen Kasten – wieder Oettinger, der Geiz hatte doch gesiegt – aus dem Supermarkt kam und gerade dabei war, mich den Berg hoch zu quälen, wurde ich angesprochen.
"Eh, gibst du mir eins ab?"
Es war der Penner an der Ecke. Der saß eigentlich immer hier, aber ich hatte ihn noch nie sonderlich beachtet. Warum eigentlich nicht, dachte ich. Da wird der verdammte Kasten wenigstens ein bisschen leichter. Das war sowieso eine ziemliche Quälerei den alleine nach Hause zu schleppen. Soll er doch ein Bier haben.
Ich weiß nicht, was über mich kam, aber statt ihm einfach eine Flasche zu geben, setzte ich den Kasten ab und mich neben ihn. Dann holte ich zwei Bier hervor, öffnete sie mit dem Feuerzeug, das schon lange nicht mehr ging, reichte ihm seines herüber und stieß mit ihm an.
"Auf die Freundschaft, Kumpel" sagte er.
Eine Stunde später saß wir noch immer auf dem Pflaster. Der Kasten war bis auf zwei Flaschen völlig geleert und ich fühlte mich mittlerweile wie ein vollwertiger Penner. Ich nahm die letzten zwei Bier heraus und reichte ihm seines herüber, ganz so wie ich es mit den neun Bier vorher auch schon getan hatte.
"Wie heißt Du eigentlich?" fragte er mich.
"Konrad" antwortete ich. "Zumindest glaube ich das. Und du?"
"Ich bin Klaus", erwiderte er. "Bist ein netter Kerl, Konrad. Gibt nicht viele, die mit mir ihr Bier teilen würden."
Ich nickte dazu nur. Langsam wurde mir klar, was ich hier eigentlich gerade tat. Ich sah zu Klaus herüber und dann an mir herab. Wenigstens optisch unterschieden wir uns noch. Wenigstens rein äußerlich wirkte ich noch nicht wie ein Penner. Zweite Niederlage des Tages, dachte ich wenige Momente später.
"Ich muss weg, Klaus", sagte ich.
"Halt die Ohren steif Kumpel und komm mal wieder auf ein Bier vorbei," antwortete er.
Dann rannte ich. Den Kasten konnte er zurückbringen. Von den drei Euro Pfand sollte er sich meinetwegen Nachschub besorgen. Ich brauch jetzt erst einmal einen Kaffee, sonst geht heute wirklich gar nichts mehr.
Es war kurz vor vier Uhr und ich war schon wieder total besoffen. Als ich im Café saß und gerade dabei war, endlich einmal zur Ruhe zu kommen, fiel mir der Typ am Nachbartisch auf. Er saß ganz allein da. Ein älterer Mann mit wenig Haaren auf dem Kopf. Eigentlich nichts besonderes, wären da nicht die zwei Zigaretten in seinem Mund gewesen. Als ich ihn länger beobachtete, entdeckte ich, dass er abwechselnd mal an der einen und dann an der anderen zog. Dazwischen schien er irgendetwas zu murmeln. Je nachdem ob er davor an der rechten oder der linken Zigarette gezogen hatte, legte er dabei den Kopf leicht nach rechts oder nach links. Es sah aus, als unterhielte er sich mit sich selbst. Ich sah ihm eine Weile zu, dann verlor ich das Interesse. Irgendwann wird selbst der größte Freak langweilig.
Kurze Zeit später zwang mich das Bier das Klo zu besuchen. Als ich am Pissoir stand merkte ich wie hinter mir die Tür aufging und noch jemand hereinkam. Er stellte sich direkt an das Becken neben mir. Nicht schon wieder dachte ich. Kannst du nicht wie jeder vernünftige Mensch, ein Becken Abstand halten? Ich sah zu ihm herüber, um zu kontrollieren, wo seine Augen hinsahen, aber er hielt sie brav oben.
"Hast du dir eigentlich mal die Frage gestellt, wie Blinde merken, wann sie fertig sind mit Arsch abwischen", fing er an mich anzusprechen. Ich sah ihn entgeistert an.
"Nein ehrlich," fuhr er fort. "Das ist doch mal eine ernsthafte Frage."
Ich war immer noch besoffen genug, um darüber nachzudenken. Er schien das zu merken, denn er begann mich mit diversen Konzentrationsspielchen zu belästigen. Ich schloss gerade den obersten Knopf meiner Hose als er mich fragte:
"Heißt das Dachgiebel oder Dachgabel?"
"Dachgiebel" antwortete ich.
"Dachgabel oder Dachgiebel. Dachgiebel oder Dachgabel."
So ging das endlos weiter. Schließlich fragte er:
"Und womit isst du deine Suppe?"
"Mit der Gabel", antwortete ich stumpf. Reingefallen. Er lachte sich tot.
"Mit der Gabel, haha."
Ich wusch mir die Hände, dann ließ ich ihn allein auf dem Klo zurück. Mir war nicht nach weiteren Demütigungen zumute. Ich ging zu meinem Platz, leerte zügig meinen Kaffee, zog die Jacke über und verließ das Café. Im Hinausgehen sah ich noch wie der Typ mit den zwei Zigaretten sich über den Aschenbecher beugte. Offensichtlich versuchte er sie gerade mit dem Mund auszudrücken.
Als ich wieder zu Hause war, ließ ich mich auf mein Bett fallen und starrte die Decke an. Ich war gerade dabei mich mal wieder selbst zu bedauern, als es an der Tür klingelte. Es war ein Kumpel.
"Alter, du siehst aber nicht gut aus", sagte er. "Egal, ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob wir uns zusammen besaufen gehen. Meine Freundin hat sich gerade von mir getrennt und ich glaub ich ertrag das sonst nicht."
"Klar", antwortete ich. "Mit dem größten Vergnügen. Lass uns einfach die Straße entlang gehen und die erste Kneipe auf der rechten Straßenseite nehmen, die nicht nach einem Scheiß Tier benannt ist, so wie Hirsch zum Beispiel."
Dann zogen wir los.
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