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Ariel die Meerjungfrau
Wir waren so besoffen, dass wir irgendwann anfingen uns gegenseitig mit Quallen zu bewerfen, die überall am Strand herumlagen. Die meisten von ihnen waren schon ziemlich vertrocknet. Nur einige wenige sahen noch relativ frisch aus, was jedoch nicht dazu führte, dass es ihnen besser erging. Ganz im Gegenteil, sie waren geradezu bevorzugte Wurfobjekte. Das Wasser, das sie noch in sich trugen, gab ihnen etwas mehr Gewicht und so zeigten sie einfach das bessere Flugverhalten. Irgendwann kam Egon auf die Idee meine Quallenangriffe durch Sandladungen abzuwehren, mit denen er die heranfliegenden Quallen beschoss. Für die possierlichen Meerestierchen hatte das verheerende Folgen. Hinterher sahen sie aus wie Pfannkuchen, auf die man mit einer Schrotflinte geschossen hatte. Sie waren von Sandkörnern regelrecht durchlöchert.
Plötzlich erschien eine Nixe in den Wellen. Wie aus dem Nichts streckte sie einfach ihren Kopf aus dem Wasser. Dem Kopf folgte bald der Oberkörper und dort wo bei jeder Frau die Hüfte saß, konnte man schon die ersten Schuppen des Fischunterleibs erkennen. Seltsamerweise war sie jedoch nicht nackt, sondern trug einen auffallend eleganten Bikini. Trotz meiner Verblüffung, war dies doch meine erste Begegnung mit einer Meerjungfrau, gelang es mir so etwas wie eine Frage an sie zu richten, wobei ich mehr stammelte als sprach. Doch war dies weit mehr als meine Freunde zustande brachten, die wie eingefroren und mit offenen Mündern dieses seltsame Wesen aus den Tiefen der Ostsee anstarrten.
„Ähm“, setzte ich zu meiner Frage an, „wieso trägst du denn einen Bikini? Solltest du nicht eigentlich nackt sein?“
Da sie sich mit ihrer Antwort eine Menge Zeit ließ, schob ich eilig hinterher:
„Du bist doch eine Meerjungfrau oder?“
Sie sah mich lächelnd an und antwortete:
„Natürlich bin ich das, aber man muss eben mit der Zeit gehen. In dieser heutigen, völlig sexualisierten Welt ist es für eine Meerjungfrau eine gefährliche Sache, barbusig unter Menschen zu gehen. Und dieser Bikini ist von Prada. Den muss man auch tragen. Steht mir doch ausgezeichnet, oder? Musst du doch mal zugeben.“
Ich nickte artig. Und sie hatte recht. Der Prada Bikini sah fabelhaft an ihr aus. Wenn nicht das Manko fehlender Beine gewesen wäre, hätte ich ihr sofort vorgeschlagen, zu modeln, aber mit einem Fischschwanz würde sie es nie bei Heidi Klum schaffen.
„Aber das ist nicht der eigentliche Grund meines Auftauchens“, fuhr sie fort. Ich war beeindruckt von dem eleganten Wortspiel mit der Doppeldeutigkeit ihrer Aussage.
„Eigentlich wollte ich euch tadeln, weil ihr respektlos mit den Wesen des Meeres umgeht. Es geht einfach nicht, dass ihr hier völlig betrunken Quallen durch die Gegend werft. Nur weil diese Wesen für euch andersartig und vielleicht sogar eklig sind, könnt ihr sie doch nicht wie einen Haufen Dreck behandeln und wie Kuhfladen durch die Gegend werfen. Ich bin doch auch völlig anders als ihr mit meinem Fischschwanz und mit mir macht ihr das doch auch nicht?“
„Ja, aber du hast ja auch Brüste“, rutschte es mir heraus.
Die Nixe schlug die Hände über dem Kopf zusammen und raufte sich ihr rotes Haar, das schon wenige Sekunden nach dem Auftauchen wie durch ein Wunder sofort getrocknet war und nun in glänzenden Locken auf ihre schlanken Schultern herabfiel.
„Da seht ihr’s“, sagte sie. „Das ist der Grund warum keine Meerjungfrau heute noch nackt durch die Ozeane schwimmen kann. Dämliche sexbesessene Männer wie du sind Schuld daran.“
Ich lief ein wenig rot an und konnte dennoch nicht verhindern, mir vorzustellen, was sich unter dem Bikini befand. Meine Neugier wuchs schier ins Unermessliche.
„Sag mal, könntest du nicht wenigstens einmal ganz kurz den Bikini ablegen, einfach so als wäre alles wie früher? Ich verspreche dir auch, ich werde ganz brav sein.“
„Ich glaube du hast mich nicht verstanden“, entgegnete die Nixe aufgebracht. „Ich werde dir verdammt nochmal nicht meine Titten zeigen. Ich hab auch keine Lust darauf, dass du dir irgendwann auf die Erinnerung an meine Brüste einen runterholst. Menschen sind doch einfach widerlich, ganz besonders Männer.“
„Ja, aber wie pflanzt ihr euch denn fort? Etwa wie Pflanzen?“ Ich war in diesem Moment sehr stolz auf dieses überaus originelle Wortspiel.
„Nein, wir pflanzen uns überhaupt nicht fort. Wir entstehen ja auch nur, wenn irgendeiner von euch Männern seine Lust mal wieder an einem Fischweibchen auslässt.“
Mir wurde schlecht.
„An einem Fischweibchen?“ fragte ich. Von Schafen und Hunden hatte ich ja schon gehört, aber Fische?
„Ja an einem Fischweibchen. Meistens sind es Thunfische, die sind wenigstens groß genug. Irgendwann hat es wohl auch mal jemand mit einem Schwerfisch versucht, aber das ging eher nach hinten los.“
„Und anders könnt ihr euch überhaupt nicht fortpflanzen?“ hakte ich mit einem Augenzwinkern nach.
„Warum versuchst du so dringend eine Meerjungfrau zu verführen, wenn du weißt, dass du ohnehin keine Chance hast? Vielleicht versuchst du es lieber mit einem Affen oder besser gesagt einer Äffin? Ich meine, wenn Menschenfrauen dir zu hoch sind.“
„Jetzt halt mal die Luft an. Nur weil du nicht damit klarkommst, dass du eine Missgeburt bist, musst du deine Minderwertigkeitskomplexe jetzt nicht an mir rauslassen.“
In dem Moment traf mich eine mindestens tellergroße Qualle mitten ins Gesicht.
„Mit wem zur Hölle redest du? Und vor allem, was für einen Schrott redest du da?“ schrie Dieter mich an, während sich Egon vor Lachen am Boden krümmte.
„Volltreffer!“ gluckste er triumphierend. Ich begann die Qualle wie eine übergroße Latexmaske von meinem Gesicht abzuziehen. Unglücklicherweise hatte es sich diesmal jedoch nicht um die gemeine, aber harmlose Ostseequalle gehandelt, sondern um ein weniger erfreuliches Exemplar der Gattung ..., auch bekannt als Feuerqualle. Mein Gesicht darunter war leuchtend rot.
„Jetzt sieht es wenigstens so aus, als würdest du dich schämen,“ sprach mich die Meerjungfrau ein letztes Mal an, bevor sie verschwand.
Da traf mich die zweite Qualle, diesmal am Hinterkopf. Egon war überhaupt nicht mehr zu beruhigen. Er war gefangen in einem nicht enden wollenden Lachkrampf. Und wie es das Schicksal so wollte, hatte ich, nachdem ich das glitschige Ding von meinem Kopf entfernt hatte, nun auch einen leuchtend roten Nacken. Das gab Egon vollends den Rest. Er wälzte sich prustend vor Lachen im seichten Wasser und es fehlte nicht viel und er wäre dabei ertrunken.
Doch Dieter war das alles egal.
„Was zur Hölle ist los mit dir, Mann?“ fragte er mich. „Mit wem hast du geredet?“
„Da war eine Meerjungfrau,“ stammelte ich, während ich mich fortwährend an meinem Nacken kratzte, der jetzt ganz furchtbar zu jucken begann. „Mit Prada Bikini.“
„Du hast doch nen totalen Vogel!“ schrie Dieter mich an. „Du gehörst in die Klapse!“
„Nein ehrlich. Und die war total scharf auf mich.“
Er warf mir die dritte Qualle aus kurzer Entfernung direkt ins Gesicht. Ich kippte um.
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