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Der Sinn des Lebens
Besser das Leben hat keinen Sinn, als dass es einen Sinn hat, dem man nicht zustimmen kann. Es gibt unendlich viele mögliche Sinne des Lebens, da ist es doch quasi ausgeschlossen, dass man versehentlich den wahren, den richtigen erwischt,
man lebt aller Wahrscheinlichkeit am Sinn des Lebens vorbei, da kann man sich auch umbringen, das macht nichts - außer, dass ist vielleicht sogar der Sinn des Lebens - aber auch egal. Imke sah das ähnlich und so kam es, dass wir einer Nacht ...
Cut. Szenenwechsel:
Draußen regnete es, aber im Zelt war es gemütlich. Bis auf, dass sich die Gleise unangenehm in den Rücken bohrten, aber nun ja.
Durch die Zeltwand schimmerte schwach der Schein des eintreffenden Zuges, mein Leben zog an mir vorüber, gerade freute ich mich auf meine Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen, als Imke diese blöde Bemerkung fallen ließ:
"Hast du eigentlich Dein Zimmer aufgeräumt?" Filmriss.
Wer würde nach meinem Selbstmord mein Zimmer aufräumen? Mein Eltern? Die verschimmelten Kaffeetassen, das ganze leere Bier, die Pornosammlung, die Aschenbecher - meine Eltern wussten doch nicht, dass ich rauche? Meine Tagebücher? Ficken!
Man sollte wirklich erst sein Zimmer aufräumen, bevor man Selbstmord begeht.
Wir mussten raus aus der Todesfalle Zelt, hechteten gen Ausgang, stießen mit´m Kopf gegeneinander, wurden ohnmächtig, sahen nicht, wie der Zug näher kam - verschreckte Elefanten von Gleisen hoppelten - 368 Tonnen mit etwa 237,
das sind immer noch 0,65 Tonnen pro Sache, also ein Fiat Panda pro Sache und das ist viel, auch wenn es nicht so klingt. Wir ohnmächtig und der Zug näher und näher.
Ich träumte: Gerade war ich von meinem Strandspaziergang gekommen, hatte lecker gegessen: Lasagne, also dieses Gericht wo abwechselnd Hackfleisch und Käse gestapelt, das so vier, fünf mal und obendrüber Nudeln,
und nun lag ich im Whirl- Pool, ein kleiner Roboter kraulte meinen Bauch, ich las Comics. Die Tür ging auf, der Affe mit Mütze gab mir ein kleines Handtuch, ich ihm ein kleines Trinkgeld. Ich ging wieder in die Küche,
dort stand Wolfgang Clement und machte Caipirinhas, er sagte was er auch sonst immer sagte: Mindestens 50% sind Psychologie. Dann kam Avril Lavigne herein, sie küsste mich, ich erschrak, denn ich hatte doch eine Freundin und wachte auf.
Folgende Gedanken gingen mir durch den Kopf:
1. Häh?
2. "Ich habe doch gar keine Freundin"
3. "Jetzt ist der Traum weg"
4. "Diese Gleise sind unangenehm"
5. "Ganz schön laut hier"
Und gerade als der Triebwagen des Zuges den Eingang unseres Zeltes eindellte fiel mir wieder mein unaufgeräumtes Zimmer auf. Aber wie? Ich brauchte nur noch eine Idee. Mittlerweile bohrte sich der Zug unangenehm in den Rücken.
Ich hatte eine Idee. Ich packte Imke am Kragen machte einen Salto und stieß kräftig mit beiden Füßen vom Triebwagen ab. Wir flogen gen Zeltwand. Diese immer noch zu, also biss ich im Flug ein Loch in die Wand und wir landeten auf den Gleisen.
Es regnete. Die Tropfen perlten sexy an meinem muskulösen Oberkörper herab, eine Serie von Blitzen erleuchtete stroboskopartig diese Szene, sah eine Sternschnuppe, wünschte mir, dass wir es schaffen würden.
Ich konnte schon den Dreck am Lack des Antriebswagens spüren als wir endlich von den Gleisen sprangen, der Vollmond beleuchte die ganze Szene, und während wir noch flogen gab es einen dumpfen Knall - hinter uns explodierte das Zelt,
eine gigantische Stichflamme schoss in den Himmel, die Überreste des Zelts gingen in unserer Umgebung nieder und brannten dort aus, wir schauten uns an, das ganze kam uns sehr unwahrscheinlich vor, Explosion und so. Deswegen küssten wir uns und schliefen dann ein.
Am nächsten Morgen weckte uns ein kleines Mädchen: "Ey, seid ihr Castor- Gegner? Meine Eltern waren auch mal Hippies." - "Ähm, nee, wollten uns von nem Zug überfahren lassen." - "Als wir mal in´n Zoo wollten, da hat sich auch mal einer vorn Zug geschmissen.
Da hatten wir dann ganz lang Verspätung und als wir dann endlich im Zoo waren, da hat dann der Ameisenbär schon geschlafen." - "Oh, dass ist ne traurige Geschichte, da wolltest du dich bestimmt auch umbringen, dann kannst Du uns ja verstehen." -
"Nee ich würd mich nie umbringen. Das Leben ist schön. Habt ihr den Film gesehen? Der hat´n Oscar bekommen." - "Klar, und Jungs sind Kacke und werden immer Kacke bleiben." - "Ja" - "Dann wirst Du sicher nie Selbstmord begehen." -
"Ja. Wobei: verarscht ihr mich?" - "Ja." - Ey, ich lass mich doch nich von Leuten verarschen, die zu blöd sind, nen Zug zu treffen, seht ihr die Gleise hier, da fährt er drüber, is nich schwer. Muss man euch noch Pfeile malen oder was?"
"Hör mal Kleines, das ist unser erster Versuch, es ist noch kein Möllemann vom Himmel gefallen."
"Also erstens heißt das: `Es ist noch kein Meister, gell, Meister (!), vom Himmel gefallen´, und zweitens stimmt das gar nicht. Der ist vom Himmel gefallen. Ihr seid ganz schön blöd."
Imke und ich dachten uns wohl das Gleiche. Lollie klauen, mitm dicken Stift öbszöne Dinge in Schulbücher schreiben, Schuhe mit gordisch fiesen Knoten zusammenbinden, Haare abschneiden- aber nur so, dass da noch Kaugummis reinpassen,
die Seiten mit den Hausaufgaben rausreißen, endlich mal den Schulranzen ausnutzen, da passt ja neben Büchern noch so viel nasse Erde rein, und so weiter und so fort.
Das machten wir dann auch, naja, der Lollie passte auch in die Nase, und die Vorstellung, wie das kleine Mädchen in der Schule auftauchen würde, amüsierte uns köstlich. Zugegeben, unwahrscheinlich, dass das der Sinn des Lebens war, aber es machte saumäßig Spaß.
Und so beschlossen wir, das Projekt Selbstmord so lange auf Eis zu legen, wie es noch Schulkinder gab. Denn letztlich muss sich doch jeder selbst einen Sinn des Lebens geben.
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