Home Links Bildergalerie Neu VideosAnfragenNewsletter jetzt anmelden

Nach Hause

Es war eine bitterlich kalte Nacht, es war sternenklar und bitterlich kalt. Ich wollte nach Hause. Schnell. Ich beschleunigte meine Schritte an den Rand der Definition des Gehens, es war nämlich bitterlich kalt.

Kurze Zeit später dachte mir, oh mein Gott, ich muss noch über den ganzen Marktplatz, wie schrecklich! Dann stellte ich fest, dass ich ja schon einen Teil geschafft hatte, mehr als die Hälfte des Marktplatzes war überquert, und ich ging ja während all dieser Gedanken weiter. Man muss die Gedanken am Laufen halten, dachte ich mir und ging damit mit guten Beispiel voran, möglichst schnell denken, ganz schnell, so schnell, dass man gar nicht mehr auf die Umgebung achtet, das lenkt von der Eiseskälte ab, das lenkt vom Weg ab, dann ist das alles nicht so schlimm. 

Den Marktplatz hab ich ja schon geschafft, jetzt nur noch zwei Straßen, dann wäre ich zu Hause, endlich, wie weit noch... Scheisse! Ich war immer noch auf dem Marktplatz, da hatte mir wohl mein übermüdetes  Hirn einen Streich gespielt, hatte mich beschissen (!) hatte zu früh behauptet ich sei übern Markplatz, es waren aber noch gut fünfzehn Meter, dann wär ich erst übern Markplatz!

Mein Hirn hatte das wohl nur so dahergedacht, mit dem „wir sind schon übern Marktplatz- Scheiss!“, aber nichtsdestotrotz, trotz der guten Absicht, das war Selbstbetrug gewesen! Und jetzt war der Selbstbetrug aufgeflogen und ich das Opfer, dass mit den Konsequenzen leben müsste, aber auch der Täter, und wie das so oft ist im richtigen Leben, wir hatten beide verloren, Opfer und Täter.

Das war bitter, von wegen noch zwei Straßen, nein, der Marktplatz und zwei Straßen, na ja, jetzt noch 5 Meter, dann wär ich übern Marktplatz. Ich fragte mich wie viele schritte es wohl noch seien, bis nach Hause, 800 vielleicht, wie sollte ich das bloß schaffen, ich zählte meine schritte, bei 8 dachte, jetzt habe ich ein Prozent geschafft, ein Prozent, das war ja ein Witz, das ist ein Pups, das ist wie nach dem Deckblatt machen für eine Diplomarbeit schreiben, das ist auch ein Prozent, eine Seite von etwa 100. Und ich wusste, was da bei einer Diplomarbeit noch an Arbeit dazukommt, so nach dem Deckblatt.

Wie sollte ich bloß den weg nach Hause schaffen? Aber man kann sich in so einer Nacht ja nicht einfach auf die Straße legen und dort schlafen, denn das ist unbequem, hart und kalt, da erfriert man, und das wär ja sicher eine Versuchung, wenn das nicht erst mal so unangenehm wäre, man hat ja auch kein Kissen dabei, und wenn man die Hände nicht aus den Taschen nehmen kann, weil das so kalt ist ... da kann man sich auch gar nicht entspannen, das ist einfach kalt auf dem Boden, der ist ja gefroren, und dann klebt man da dran bis zum Frühling, oder Polizisten fragen Passanten den ganzen restlichen Winter ob „gehört der jemanden?“

Eine Frau kommt mir entgegen, vielleicht ist sie nett und man könnte sie aufn Kaffee einladen, aber es ist irgendwas zwischen spät und früh, es ist dunkel und ich will nach Hause, man müsste sich mit ihr unterhalten zweifellos und das würde Minuten dauern, während der Zeit könnte man bestimmt mindestens fünfzig Schritte machen, und vielleicht könnte man nach einer Unterhaltung gemeinsam zu mir oder zu ihr, aber wahrscheinlich macht man so einen faulen Kompromiss, wie sie zu sich und ich zu mir, und da wollte ich ja ohnehin hin, warum also nicht gleich so?

Ich muss immer noch so vielleicht 200 Meter schaffen, zweihundert Meter denke ich mir, dass sind so etwa 600 schritte, und vorhin schätze ich auf 800, kaum weniger geworden, immer noch 75% vor mir, ...

Die Frau weicht von ihrem Kurs ab und steuert auf mich zu, das geht nicht, denke ich mir, das ist doch jetzt zu unwahrscheinlich. Ich will nach Hause, die kann mich doch nicht ansprechen, jetzt um die Zeit, bei dem Wetter. Sie läuft aber immer noch auf mich zu und ich denke mir, dass das doch jetzt echt zu viel wäre für mich, das wäre ein ganz übler Schicksalsschlag jetzt angesprochen zu werden, 150 Meter vor der Haustür, man müsste sie gleich zu sich einladen, denke ich mir, gar nicht lange reden, gar nicht lange fackeln, aber eigentlich will ich direkt ins Bett und das ohne Umwege, ohne Vorspiele, Hauptspiele, Nachspiele, selbst auf Hörspiele kann ich verzichten.

Sie läuft an mir vorbei und ich denke mir, sie wird wohl eh an mir vorbeilaufen, das ist nur ein Missverständnis bestimmt, und dann läuft sie an mir vorbei. Und dann frage ich mich, wann ich mir jetzt eigentlich dachte, dass sie an mir vorbeilaufen würde, bevor oder nachdem sie an mir vorbeilief, aber das krieg ich jetzt leider nicht mehr hin. Wenn ich es mir vorher gedacht hätte, dass sie vorbeiläuft, dann könnte ich mir ein Kompliment für meinen Messerscharfen Verstand machen, aber wenn’s danach war, dann nicht, es sei denn, der Gedanke war schon auf dem Weg. Andererseits ein Kompliment mehr oder weniger macht den Hahn auch nicht Fett, wobei ja selbst ein Schmetterlingsflügelschlag in Hinterasien einen Wirbelsturm woanders auslösen kann, aber diese ganzen Hobby- Chaos- Forscher, die einen das unter die Nase reiben, vergessen ja gerne, wie viele Schmetterlingsflügelschläge so tagein tagaus gemacht werden. Also wohl völlig egal, wichtiger: nur noch einige Meter nach Hause.

Ich beschleunige meinen Schritt, laufen wäre zuviel, da kommt zu viel kalte Luft in die Lunge, da könnte ich genauso gut in kurzen Hosen unterwegs sein oder mir meine Brust aufschneiden, mir Eiswürfel implantieren, laufen geht nicht.  Aber sehr schnell gehen, noch schneller als ohnehin, aber Kurs halten. Rechte Hand aus der Jackentasche in die Hosentasche – Scheisse ist das kalt! -  den Schlüssel schon mal rausholen, kein Schlüssel da! Also: Die Hand wieder in die Jackentasche, die andere aus der Jackentasche – Scheisse ist das kalt! - in die andere Hosentasche, der Schlüssel ist da und eine Minute später liege ich im Bett. Die Schuhe habe ich noch an, mein Vater sagt immer, mit kalten Füßen kann man eh nicht einschlafen. Ich mache also meine Augen zu, und dann ist das die Geschichte auch schon vorbei, noch ein paar Sekunden und ich bin weg.

Danke.

 

[top] [home]

Rechtliche Bestimmungen: Die Inhalte von www.late-night-lesen.de wurden mit der höchstmöglichen Sorgfalt recherchiert und zusammengestellt. Eine Haftung für fehlerhafte bzw. unrichtige Informationen wird ausgeschlossen. Die Inhalte der Seiten (auch Fotos, Filme und Grafiken) sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen, vorbehalten. Eine Verwendung der Inhalte, insbesondere auf anderen Web-Sites bedarf der vorherigen schriftlichen Genehmigung des jeweiligen Autors. Alle verwendeten Markennamen und Warenzeichen sind geschütztes Eigentum ihrer Inhaber.

Die Internet-Seiten von late-night-lesen.de enthalten Links zu anderen Seiten im World Wide Web. late-night-lesen.de ist nicht verantwortlich für die Datenschutzbestimmungen oder den Inhalt dieser Internet-Seiten.

Verantwortlich für den Inhalt der Internetseite www.late-night-lesen.de:
Hendrik Schneller - Wolferoderstraße 13 - 35260 Stadtallendorf - Telefon 06428/2839