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Die Contergan-Giraffe
Dies ist ein Text für meine Kinder. Also meine zukünftigen. Da ist ganz viel Moral drin, damit ich mich nicht so mit Erziehung rumplagen muss. Man stelle sich einfach vor, ich würde ihnen abends beim einschlafen diese Geschichte vorlesen.
Es war einmal ein ganz kleines puderzuckersüßes Giraffenbaby namens John. John war auch sonst von seinen Eltern gestraft, denn seine Mutter hatte während der Schwangerschaft Contergan gefressen. Deswegen
hatte er nur einen ganz kurzen Hals, und auch ganz ganz kurze Beine...
Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hatte er auch noch einen Traum. Er wollte Basketballstar werden. Er trainierte hart, Tag und Nacht, jeweils 12 Stunden, er machte das Wochen, Monate Jahre und Schaltjahre. Aber nie, nie schaffte er auch nur einen einzigen Korb. Denn er war einfach zu klein.
Denn merke mein Kind: Wollen allein reicht nicht.
Und John - mit einem Herzen so rein wie mit Domestos geputzt - verliebte sich in eine Cheerleaderin. Er schenkte ihr seinen Lieblingsschal, den selbstgestrickten, der ihn in den kalten Nächten der Savanne immer vor der Kälte geschützt hatte. Und das Mädchen nahm den Schal und sagte: "Toll ein Topflappen."
Denn merke: Wolle allein reicht auch nicht.
Er beschloss zu gehen.
Und eines Tages im Dschungel, er machte Rast an einem Fluss, trank ein paar Schlücke Wasser, grübelte über sein Leben und dachte sich: "Immerhin bin ich nicht mehr verliebt".
Doch merke: Natürlich kann es immer noch schlimmer kommen.
Erst sah er nur einige kleine Wellen - aber was für Wellen! Sie tanzten förmlich an Ufer, beglückt von IHR angestoßen zu sein, und sie wirbelten zurück - zu IHR...
Denn sie war das schärfste Krokoweibchen der ganzen Herde. Sie war eine von den Frauen die in Zeitschriften auftauchen und dann so Dinge sagen wie: "Ich finde diese Fotos sehr ästhetisch", Ich wollte zeigen was ich hab", oder: "Ich habe die Fotos nicht wegen des Geldes gemacht."
Denn merke mein Kind: Es ist alles nur eine Frage des Geldes.
Wie konnte er sie nur verführen?
Er probierte es mit zuhören, er wurde zum besten Zuhörer aller Zeiten, selbst Steine heulten sich bei ihm aus, und Sonne und Wetter fragten um seinen Rat. Er hörte auch ihr zu, sie hieß Imke und sie sagte, er sei der beste Zuhörer des Flusses und das war er, aber Hallo.
Doch bedenke mein Kind: Imke poppte die Alpha- Tiere.
Er probierte es mit Gedichten, und was für Gedichte er schrieb! Er schrieb sie im Mondschein auf einsamen Bergkuppen und er las sie nur ganz ganz leise vor, denn sonst weinten die Wolken, Bäume ließen ihre Blätter fallen und Wasser erstarrte zu Eis. So traurig, so anmutig, so herzberührend waren seine Gedichte.
Doch bedenke mein Kind: Imke poppte die Alpha- Tiere.
Er lernte kochen. Und Tiere und Pflanzen, Rotwein und Mayonnaise kamen von weit her in der Hoffnung von ihm zubereitet zu werden, er kochte die großartigsten Gerichte, Symphonien für Geschmacksnerven, Opern für den Gaumen, sein Essen zerging auf der Zunge wie Regen auf Flüssen, seine Speisen schmeichelten dem Magen, und alles alles machte herrlich weichen Stuhlgang...
Doch bedenke mein Kind: Imke poppte die Alpha- Tiere.
John war frustriert. Ihm war nach heulen zumute. Er war niedergeschlagen schwarze Löcher wirkten wie Hippies neben ihm. Er saß einfach nur noch am Flussrand mit dem festen Vorsatz sich erst wieder zu bewegen, wenn er verdurstet war.
Doch merke mein Kind: Immer wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.
"Hey, bist du frustriert? Ist dir nach heulen zumute? Bist du niedergeschlagen? Möchtest du am liebsten einfach nur verdursten? Ich hätte da was für Dich." Die Schlange spuckte einen kleinen Beutel mit hellbraunen Pulver hervor.
Denn merke mein Kind: Es gibt Drogen. Und Drogen sind besser als die Realität.
"Hab kein Geld." - "Dann fix die anderen an, verdien´s dir."
Und John fixte alle Krokos des ganzen Flusses an.
Denn merke: Besser Drogen verkaufen als Drogen konsumieren.
Und Imke war auf ihn angewiesen und Imke kam mit ihm zusammen und John hatte Sex.
Doch merke mein Kind: Kein Sex mit Tieren! Und wenn doch: benutz zumindest Kondome!
Nach zwei Tagen hielt er die Zicke nicht mehr aus. Er schickte sie auf den Strich und kassierte das Geld.
Denn merke: Man kann nie genug Geld haben.
Doch ihm ward langweilig, und so fing er an selber Drogen zu nehmen. Er starb nach einer Überdosis im Dschungelklo - ganz allein und Hunderte von Kilometern entfernt von der nächsten Giraffe. Egal.
Denn ein Regiment kettensägenbeschwingter Rollstuhlfahrer kam vorbei, sie wollten zeigen, dass sie auch zu was nütze sind und rodeten den Wald. Sie starben natürlich alle dabei, denn sie konnten nicht schnell genug vor den fallenden Bäumen wegrollen. Doch der Wald war gerodet, der Fluss ging den Bach runter, die Krokodile verhungerten alle. Alle? Nein! Imkes und Johns Kind verhungerte nicht, denn die Zivis der Rollifahrer fanden es und machten lecker Gulasch.
Denn merke: Das Leben ist ein Geschenk und Geschenke verschenkt man nicht weiter.
Egal. Denn eine Woche später war der Staudamm fertig, die Giraffen oberhalb des Damms ertranken alle, und die Krokodile waren eh schon Tot.
Denn merke mein Kind: Egal: auf lange Sicht sind wir eh alle Tod.
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