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Wie mein Bartwuchs mein Leben zerstörte
Guantanamo ist nur einige Bartstoppel entfernt.
Alles begann an einem Dienstag. Wie so viele schlimme Dinge am Dienstag anfangen. Der Urknall, die Inquisition, Weihnachten, die Entdeckung Amerikas - nur so als Beispiele. Ich schaute in den Spiegel und dachte: ein Bart wäre geil. Nach einer Woche hatte ich einen wunderschönen Drei- Tage- Bart.
Einen Dienstag später wollte ich mir einen Porno aus der Videothek ausleihen. Meine Wahl fiel auf: "Heiße Guerillataktaktiken arabischer Widerstandskämpferinnen. Untertitel: Da ist was im Bush!" Ich gab dem Verleiher die Marke und er drückte einen Roten Knopf statt mir die DVD in die Hand. Darauf erschienen aus einem Hinterzimmer einige vermummte Gestalten. Sie sagten mein Personalausweis sei gefälscht. "Oh", dachte ich mir, so schnell geht das also, dass man von den Amerikanern für einen Islamisten, also Terroristen gehalten wird. Dies erschreckte mich, und so fiel ich an diesem ohnehin kalten Tag in Ohnmacht.
Als ich wieder zu mir kam, zwitscherten Vögel, im Hintergrund Meeresrauschen, die Sonne brannte mir ins Gesicht. Ich machte die Augen auf und beschwerte mich ob der Hitze. Man wies mich darauf hin, dass ich gleich gefoltert werden würde. Ich dachte mir, spiel ich mal mit, Reisen bildet, gefoltert wurde ich noch nie, außerdem verpass ich in Deutschland nix, ist ja Winterpause und den Irrtum kann ich ja jederzeit aufklären.
Man bestand darauf, dass ich mich ausziehe und brachte mich auf einen großen Platz. Da waren gut hundert wunderschöne Frauen und weitere wurden mit Playboy- Hubschraubern eingeflogen. Sie hatten alle diese Stars and Stripes Bikinis an. Und ich mag doch so politisch inkorrekte Accessoires, das hat so was verruchtes, sündiges. Sie zogen sie aus. Auch gut. Ich wollte was trinken.
Und: Ich bekam Freigetränke! Der Barkeeper lächelte und sagte, "ich dürfte doch gar keinen Alkohol trinken, so als Islamist" Und ich: "schrecklich diese Folter". Und bekam mehr Alkohol.
Den Trick versuchte ich gleich noch mal, ich ging zu den Wachen, plauderte übers Wetter und erwähnte, wie widerlich diese ganzen Frauen seien. "Hoffentlich bleiben die ganz weit weg." Ich müsste dann das beliebte Gesellschaftspiel menschliche Pyramide spielen... ich ließ das alles über mich ergehen, flüsterte einem GI "Glücklicherweise muss ich nicht mit den ganzen Frauen schlafen" ins Ohr ... Toll. Die Videokameras irritierten mich ein wenig, aber man sagte mir, das sei ja nur für den Hausgebrauch.
Abends fiel ich in mein Zimmer, aber nicht allein, denn ich belehrte meine Gastgeber, dass ich unbedingt allein schlafen muss, weil ich nicht beten darf, wenn eine Frau im Zimmer ist. Großartig.
Ich wachte mit einem Irak- mäßigen Kater wieder auf. Aber die Amerikaner hatten diese großartige Therapie mit Eiskalten Wasser und ich war so verkatert, dass es Stunden dauerte, bis sie mich wieder hinkriegten.
Ich hatte Angst, man würde mir nichts zu essen geben und ich müsste hungern, aber es war wohl gerade Fastenmonat bei den Islamisten und deshalb bekam ich gaanz viel fleisch. Mmh. Lecker.
Abends dann wieder Party. Dann Kaltes Wasser, Cheeseburger mit Pommes, dann Party ...
Meine Mitgefangenen waren nicht ganz so begeistert. Sie erzählten mir, ich solle zum Islam konvertieren, und wenn ich dann für die gute Sache sterben würde, dann würde ich im Himmel so Jungfrauen ganz viele und so und gutes Essen. Das machte keinen Sinn. Wenn ich so in 50 oder 60 Jahren sterbe, dann sind die Jungfrauen von heute ja mindestens 60 oder 70 und dann will ich die vielleicht gar nicht mehr und außerdem hat das bestimmt seine Gründe, dass die als Jungfrauen gestorben sind, und außerdem, gutes Essen hatte ich ja auch hier und Frauen auch. Sie verstanden das nicht und ich textete ein Lied, oder zumindest einen Refrain. Er reimte sich sogar, aber überzeugen konnte ich sie nicht. Vielleicht weil ich nicht besonders gut reimen und auch nicht besonders gut singen kann. Trotzdem:
Paradies auf Erden,
Eine stolze Nation baute Dich,
Hier könnte man alt werden,
All die Frauen und ich,
All das Essen und ich.
Ich, Ich, Ich.
Wie das so ist, der Mensch gewöhnt sich an alles, irgendwann wollte ich weg. Wieder nach Hause. Wollte wieder arbeiten. Wenn ich arbeite, vergeht die Zeit nicht und wenn die Zeit nicht vergeht, dann fühle ich mich immer unsterblich. Aber hier verging die Zeit so schnell ...
Also sagte ich, dass ich wegwolle. "Ha" sagten sie, "dann ist dein Wille endlich gebrochen du dreckiger Terrorist! Musst bloß einen Fragebogen ausfüllen, aber schön ehrlich sein! Dann kommste frei!" Wenn ich es nicht täte, müsste ich hier bleiben. Man drohte mir sogar Folter an, aber ich verwies auf die Genfer Konvention. Sie gaben "Genfer Konvention" in Google ein, machten große Augen und fingen gar an zu streiten.
Ich wollte aber nicht, dass sie sich streiten, und deshalb sagte ich: "Hey: ich mach alles für Euch, streitet Euch nicht, bitte keine Zwietracht unter Euch, ich mach alles, aber streitet Euch nicht! Habt euch wieder lieb! Streit führt zu Krieg und Krieg ist böse!" Fast wie bei meiner Verweigerung. Sie gaben mir den Fragebogen und ich kreuzte ihnen zuliebe alles mit Ja an:
Ja, ich bin bereit den Fragebogen ehrlich auszufüllen.
Ja, die Lage der Menschenrechte in China ist bedenklich.
Ja, Venezuela ist im Besitz ferngesteuerter Thunfische die Amerikanische Surfer fressen
Ja, der Treibhauseffekt ist nur so ein Produkt von Terroristen.
Ja, Saddam Hussein hat vor der Amerikanischen Invasion alle Massenvernichtungswaffen aufgefressen, da kann man jetzt lange suchen
Ja, Die Menschen im Iran würden Blumen werfen, wenn die USA endlich einmarschieren würde
Ja, Michael Moore wird von Terroristen bezahlt.
Und: Ja, ich bin eine verlässliche Quelle.
Noch am selben Abend flog man mich nach Hause. Glücklicherweise nicht Frankfurt Hahn, sondern Frankfurt, wegen der Verkehrsanbindung. Endlich. Ich holte mir einen Salat bei McDonalds. Paradies ist auf Dauer auch nur Hölle. Da braucht man mal ne Pause von.
Aber im Sommer lass ich mir mit einigen Freunden einen Bart wachsen und dann gehen wir in die Videothek und versuchen noch mal den Porno auszuleihen. Da freuen wir uns schon drauf, dachte ich mir.
Bis ich die Rechnung bekam. "Flug, Verpflegung, Medikamente, Escort- Service, ..." Ich mag Zahlen, und ich erkenne große Zahlen, wenn ich sie sehe. Das war zwar nur eine Zahl, aber sie war groß.
Ich ging zum Sozialamt, und fragte, wie ich das wohl zahlen könnte, und man war völlig irritiert, welcher Sachbearbeiter mich denn nach Guantanamo geschickt hätte. Eigentlich würde man da ja keine Rechnungen kriegen, wenn man die Leute da zwischenparkt, ganz im Gegenteil, man spart sich ja Hartz4 und Krankenversicherung und so. Nun, sagte ich, mich hätte niemand geschickt. Ich wär da einfach so hingekommen.
"Tja" sagten sie, dann ist das nicht unser Zuständigkeitsbereich. Toll. Ich bekam eine Depression, rasierte mich nicht mehr, wurde wieder verschleppt, Paradies ist auf Dauer auch nur Hölle, kam frei, Rechnung und das ganze gleich ein paar mal.
Bis ich endlich mal nachfragte. Und die Amerikaner machten mir einen Vorschlag. Wenn ich weitere Terroristen verpfeifen würde, dann würde ich Gehalt kriegen und Provision. Nun, Provision kassierte ich dann auch von meinen Freunden. Und natürlich geht so ein Schneeballsystem nicht ewig gut, aber wenn man ganz oben auf der Pyramide steht, dann sieht man das alles gelassener.
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