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Sonja, schau doch nicht so mariniert
Die Sonne biss Sonja gleißend durch die Fenster in die Augen. Parniert legte sich der Tag auf ihre Glieder und Sonja schüttelte sich kratzende Brotkrumen aus den Haaren, als sie aufstand. Schnell wusch sie sich und wurde knusprig von ihren Klamotten überzogen, bevor sie in die Küche ging. Zum Frühstück gab es Kakao und ein bröseliges Croissant, das sie schlabbernd in die Tasse dippte und hastig hinunterschlang.
Auf dem Weg zur Arbeit zog die Sonnensoße durch, während unter ihr die Stadt, die Autos und der Park prächtig aufgingen und sich sogar noch ein bisschen über ihre gewohnten Maßen wölbten.
Sonja hatte nichts gegen ein wenig Zuviel- die Luft roch gut und frisch, lockte mit einer unverkennbar blauen Süße und Sonja leckte sich über die Lippen, als sie das satte Grün der Wiesen, die Krusten der Bäume und die herrlichen Ecken der Straßen sah. Die Vögel warfen sich wie Sahnehäubchen in die Luft und glänzten wie Kirschen vor dem Weiß der Baiserwolken auf und ab.
Nach der Arbeit bereitete Sonja für sich und Sven einen Auberginen-Hackfleisch-Auflauf zu. Aber es klappte nicht richtig. Die Auberginen wollten nicht wie sie, waren zu weich und locker. Das Hackfleisch enthielt zuviel Wasser und dünstete beim Kochen eine braune Suppe mit schaumigem Film aus. Dazu zerfloss der Käse unter der schmeichelnden Hitze des Backofens nicht in die Breite, sondern mehr in die Höhe, rann in sich zu einer dicken, zähen Masse zusammen und verklebte die schönen Auberginen-Würfel in einer Unart, die dem besten Koch das Mahl versauen konnten. Scheinbar standen die Sterne schlecht.
Und Sven räusperte sich und schob den Teller von sich weg:
„Irgendwie ist mir das zu sandig.“
„Wie?!“
Sonja verschluckte beinahe ihren Kochlöffel der Länge nach.
„Das kann gar nicht sein. Ich habe nur das Mineralsalz aus dem Himalaya verwendet. Dazu schwarze Pfefferkörner mit einem Hauch von Muskatnuss, italienischen Kräutern, besonders Basilikum, gebratenen Zwiebeln und Knoblauch- nagut, der Ingwer kann’s gewesen sein, das Sandige…“
Sven hob abwehrend die Hand:
„Du brauchst mir nicht aus der Bibel erzählen. Guck mal, der Rand ist ganz schwarz.“
„Du brauchst auch nicht davon essen!“ Sonja packte die Auflaufform und warf sie in den Mülleimer.
„Wenn’s dir nicht schmeckt, dann eben basta!“
„Ey, brauchst ja nicht gleich überschäumen…“, wollte Sven Sonja besänftigen, aber sie rannte schon zur Tür und verließ wütend die Wohnung.
Draußen wickelte sie sich vollständig und zur Beruhigung in den aufkommenden Wind ein. Kross lag der Nachmittag in der saftigen Pfanne des Parks. Die Bäume tunkten ihre aufgeweichten Kronen in den abgestandenen Himmel und ließen ihre reifen Blätter mariniert in der Luft brillieren.
Ein Mann mit Hund ging vorbei. Beinahe wurde Sonja bei dem Anblick schlecht. Überall diese wandelnden, abgelutschten Klischees, die, Banausen wie sie waren, ihren Körper mit Imbissbuden Junkfood voll pumpten, ranziges Fett vertilgten und sich ewig und je mit einer schlecht bzw. übergewürzten Standardküche zufrieden gaben. Zum Kotzen so was! Und ihre Hunde, die dumm-bellenden, fetten Rouladen mit Halsband, durften die Resthappen fressen- schade war es bei dem aufgewärmten Dosenessen oder Tiefkühlpäckchen oder Sekundensuppenterrinen eh nicht. Nein, diese unwürdigen, schamlosen Wiederkäuer hatten auf der Welttorte nur die unterste Stufe verdient, wenn überhaupt. Wer die Dummheit auf der Zunge hatte, war eigentlich gar kein Mensch, hatte keine Religion, weder alle Tassen im Schrank, noch alle Erbsen gezählt.
Kopfschüttelnd ging Sonja den Weg entlang bis sie zu einer Wiese kam. In dem Gras wendete sie sich brutzelnd hin und her und bemerkte, wie ihr Hunger immer größer wurde bei dem Anblick der dampfend aufgetanen Erde und der frühen, goldenen Abendhaut, die sich über sie spannte.
„Ich muss meine Lebensphilosophie intensivieren“, beschloss sie.
„Der kulinarische Genuss mit jedem zugänglich gemacht werden. Neben den Arbeits- und Schlafenszeiten müssen feste Kochzeiten eingeführt werden, unter die alles fällt, was dazugehört: Einkaufen, Vorbereiten, Kochen, Essen, Verdauen und nach Belieben auch noch Spazierengehen. Wenn den Menschen mehr Zeit für diese Dinge eingeräumt würden, würde sich das Sozialgefüge und das Glücksgefühl des Einzelnen stärken. Kriege würden beendet und die Liebe und das Gute aufgehen.“
Davon war Sonja überzeugt. Nach diesen Gedanken fand sie, dass der Tag doch gar nicht so schlecht gewesen war. Denn mit dieser Erkenntnis überzuckerte die sinkende Sonne süßlich-rosa die Welt, als Sonja nach ihr griff und sie aufaß.
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