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Partnersuche
Ich gehe mal davon aus, das hat sich erledigt. Einfach gesagt. Aber es ist so. Viel habe ich ja nicht über sie rausbekommen. Nicht, dass ich zurückhaltend wäre, nein, mit Sicherheit nicht. Ich und zurückhaltend? Ha! Nüchtern zu schüchtern? Besoffen zu offen? Nein! OK, manchmal. Manchmal schon. Aber in diesem Fall? Nein! Ich kam, sah und... dann kam alles anders. Also, sie. Dunkelbraunes Haar. Schulterlang. Augenfarbe unbekannt. Und genau das ist ja das Problem. Ich kam gar nicht nah genug an sie ran. Es war im Café Barfuß vor zwei Monaten. Da hab ich sie gesehen. Und sie mich. Eine ganze Stunde lang habe ich immer wieder zu ihr rübergeschaut. Doch plötzlich war sie ... weg, weg, und ich bin wieder allein, allein. Sie ist weg, weg... und ich, ich will das nicht sein. OK, wer will das schon? Ich kann nicht nachts allein in meinem Bett rumliegen und mit mir selbst kuscheln. Vielleicht sollte ich im Marburger Express unter der Rubrik Gruß & Kuss eine Kleinanzeige aufgeben: Du, dunkelbraunes Haar, so mitte zwanzig, warst vor kurzem im Café Barfuß, ... nein, besser nicht. Sonst glaubt sie noch, ich wäre ein Verrückter. Von denen rennen in Marburg gerade genug durch die Oberstadt. Dennoch, ich sehe und höre nichts von dieser Frau. Kein Bild, kein Ton. Nur um sie wiederzufinden, laufe ich seit Wochen wie ein Geistesgestörter durch Marburg und scanne die Gesichter wildfremder Frauen. Dabei ist mir aufgefallen, dass hier teilweise Gestalten rumlaufen, die sind ja so was von hässlich. Aber egal. Ich bin nicht mehr ich selbst. Wie soll ich auch ich selbst sein? Ich habe ja einen Teil von mir an diese Frau vergeben. Und die ist mit dem Teil einfach verschwunden. Ich bin plötzlich nur noch die Hälfte. Der Schatten meiner selbst. „Suddenly, I´m not half the man I used to be...”. Ja, ja, die Beatles haben schon recht. Genauso fühle ich mich auch. Irgendwie wie Kunstrasen. Ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Das Schlimme ist, nichts konzentriert sich mehr auf mich. Nicht mal diese Frau. Ach ja, diese Frau. Sie ist immer noch weg. Ich finde sie nicht. Ich gehe mal davon aus, dass es in Marburg etwa 10.000 Frauen gibt, die potentiell die Frau sein könnten, die vor zwei Monaten hier im Café Barfuß saß. Und was ist, wenn sie aus Gießen kommt? Ich glaube, sie studiert irgendwas Philosophisches. Jedenfalls bin ich vor kurzem durch die PhilFak getingelt, um sie zu finden. Die PhilFak ist die Philosophische Fakultät in Marburg. Die Leute dort nennt man auch Phil-Fucker. Aber ich habe sie nicht gefunden. Und jetzt? Nach wochenlanger Suche fühle ich mich ausgelaugt. Ausgemergelt. Ich bin schon ganz dünn geworden, weil ich nicht mehr essen kann. Ich glaube, ich liebe sie. Nein, ich weiß es: Ich liebe sie. Dieses weibliche Gespenst. Wahrscheinlich gibt es sie gar nicht. Ich habe mir das alles nur eingebildet. Ich glaube, ich werde verrückt. Neulich zum Beispiel, Sonntag morgens, da dachte ich doch tatsächlich, sie hier im Café Roter Stern gesehen zu haben. Ich habe die Frau, die dort saß, immer wieder angestarrt. Aber sie ist es dann doch nicht gewesen. Das habe ich bald festgestellt. Weil ich bei dieser Frau nicht dasselbe gespürt habe wie bei der anderen Frau. Und selbst wenn sie es gewesen wäre, dann hätte ich immerhin festgestellt, dass ich für sie doch nicht soviel übrig habe. Dann wäre alles nur eine Selbsttäuschung gewesen. Vor zwei Wochen hatte ich dann meinen absoluten Tiefpunkt. Hört sich tragisch an, ich weiß, war es aber auch. Ich wollte mich betrinken und ging dazu in den tegut-Supermarkt, um Rotwein zu kaufen. Der unterstützt das ganze Jammergefühl auch noch nachhaltig. Bei Rotwein kann man so richtig Depressionen ausleben. Sich selbst bemitleiden. Sich eingestehen, dass man doch nur ein armseliger Haufen Elend ist. Gleichzeitig hat man aber auch die Möglichkeit, einen Neuanfang zu machen. Ich wollte diese Frau wieder aus meinem Kopf bekommen. Mir meine Hälfte wieder zurückholen, mit der sie immer noch irgendwo rumläuft. Wahrscheinlich sammelt sie überall irgendwelche Hälften von Männern ein und verschwindet dann spurlos. Es gibt ein Leben danach. Nach dem Gespenst. Also jedenfalls war ich im tegut Rotwein kaufen. Und Klopapier. Das ist mir auch ausgegangen. Ich stehe gerade am Regal für Klopapier, drehe mich um und... da stand eine Frau vor mir. Eine Frau, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Sie stand vor mir und sprach mich an. MICH! Sie hatte mich vor ein paar Wochen im Café Barfuß beobachtet und fragte, ob ich nicht Lust hätte, heute mit ihr und ein paar ihrer Freundinnen ins „Delirium“ zu gehen. Bier trinken. Ich habe „Ja“ gesagt. Ein paar Tage später habe ich herausgefunden, dass sie wochenlang versucht hat mich wiederzufinden. Tja, und mittlerweile sind wir zusammen. Was die Frau betrifft, nach der ich gesucht habe: sie ist nie wieder aufgetaucht. Und nur manchmal noch versuche ich, sie in den Gesichtern der Fußgängerzone wiederzuerkennen. Vielleicht taucht sie ja irgendwann wieder auf. Aber was mach ich dann mit der anderen Frau? |
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