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Die Nacht der Verbindungen

Ich sitze im Sudhaus und spiele mit Freunden Doppelkopf. Ein Kartenspiel, das in Marburg von vielen Leuten gerne gespielt wird. So wie das Würfelspiel Schocken. Allerdings hat das Schocken weitaus schlimmere Folgen für alle Beteiligten, weil man immer so viel Schnaps trinken muss. Und wenn man Pech hat und schlecht würfelt, darf man auch noch die Schnäpse der anderen bezahlen. Jedenfalls bin ich während des Kartenspielens mit Ulf in ein Streitgespräch über Sinn und Unsinn von Studentenverbindungen geraten. Von denen gibt es in Marburg ja genauso viel wie Kneipen. Nur, dass in Marburgs Kneipen der Bierkonsum nicht so hoch ist wie in den Verbindungshäusern. Ulf ist selbst in einer Studentenverbindung und findet das natürlich eine tolle Sache. Ich hingegen betrachte diesen ganzen Verbindungszirkus einfach nur als peinliche,  erzkonservative Deutschtümelei.
„Weißt du was, Max? Ich zeige dir jetzt ein paar Verbindungshäuser. Dann siehst du mal, wie es da wirklich zugeht“, spricht Ulf schließlich nach dem fünften Bier zu mir, wie einst Pigeldi zu Frederick. Weil ich mittlerweile sowieso kein Bock mehr auf Doppelkopf habe, laufen wir auch gleich los Richtung Lutherstraße. Unterwegs erklärt mir Ulf die Unterschiede von Landsmannschaften, Korporierten und Turnerschaften. Ich weiß nicht, ob es an seiner Erklärungsweise liegt oder an mir, jedenfalls konnte ich keine Unterschiede feststellen. Egal ob Landsmannschaft, Turnerschaft oder Sonstwasschafft, die sind alle nur am trinken. Ulf läuft schnell. Für meine Verhältnisse etwas zu schnell. Die frische Luft treibt mir den Alkohol in den Kopf, und ich habe Schwierigkeiten, mit ihm Schritt zu halten. Außerdem fängt es mächtig an zu regnen je mehr wir uns dem ersten Ziel nähern: Dem Verbindungshaus der Schaumburgias. Alte, mittelalterliche Gemäuer umzingeln diese Verbindungsburg, um sie vor dem feindlichen Umfeld zu schützen. Die alten Schießscharten verraten mir, dass die Burschis sich jederzeit gegen den Klassenfeind behaupten können. Wenn sie nicht grad wieder besoffen sind. Weil sie das aber ohnehin immer sind, muss der Kampf mit dem Klassenfeind zurückstehen. Wir stehen jetzt vor der schweren Eichentür der Schaumburgias, und Ulf legt sich so ein buntes Band um, das er Scherpe nennt. Mit angeschwellter Brust erklärt er mir, dass die Scherpe das Zeichen der großen Bruderschaft ist und seinem Träger viele Privilegien verschafft. Ich glaube, was er mir damit sagen will ist, ich bin jetzt das Arschloch von uns beiden. Dann drückt er auf die Klingel der Türsprechanlage. In bester Verbindungsmanier kündigt er dem brummelnden Menschen am anderen Ende unseren Besuch an. Wenig später öffnet uns so ein schwitzender, fetter Mensch die Tür und begrüßt uns im besten Fränkisch mit „Servus“.
„Hallo, ich bin Ulf von den Saxoniern. Das ist mein Gast Max. Wir sind gekommen, um Euch zu besuchen und einen kleinen Umtrunk zu uns zu nehmen.“
Eine Weile starrt uns der dicke Franke mit seinen wulstigen Augen an. Dann aber sagt er, „I hob jetzt koi Zoit für Euch. Da müsst ihr oin onderes mol wiederkommen“, und knallt uns die Türe vor der Nase zu. Soviel zur großen Bruderschaft. Ulf meint, dass kann schon mal vorkommen. Schließlich sind „wir“ ja auch nur Menschen. Na, wer hätte das gedacht. Dennoch, zufriedengeben will er sich damit nicht. Schließlich hat er als Mitglied der großen Bruderschaft jederzeit das Recht, als Besucher eingelassen zu werden. Bevor der fette Franke, ich nenne ihn jetzt einfach mal „Babyspeck“, wieder ins Haus zurück kann, hämmert Ulf noch energischer als zuvor an die schwere Eichentür. Babyspeck öffnet die Tür noch einmal und schaut uns an.
„Ich bin Angehöriger der großen Bruderschaft“, meint Ulf und fährt fort, dass er laut Statut vom soundsovielten und überhaupt und nach Gesetz und Linie und am besten alles aus dem Jahr 1865. Also, jedenfalls will er sagen, dass er das Recht hat, als Besucher zumindest ein Bier an der Türschwelle zu bekommen. Und weil ich sein Gast bin, für mich gefälligst auch. Pietätvoll werfe ich ein, dass es für mich auch eine kleine Cola tut. Was aber die völlig falschen Worte waren. Ulf und Babyspeck schauen mich völlig entgeistert an.
„Wos willst, a Cola? Hier gibt’s koi Cola!“, meint Babyspeck.
Die nächsten zwei Stunden verbringen wir in bester Bierseligkeit in einem mit Hirschgeweihen und Wandvertäfelung ausgestatteten Raum. Mittlerweile sind auch andere sogenannte „Korporierte“ dazugekommen. Alle wollen mir unbedingt das Trinken von einem Liter Bier auf Ex beibringen. Nur ich will das nicht. Aber das interessiert niemanden. Sie erklären mir die Sache mit dem Schluckzäpfchen und dass alles ganz einfach ist. Ich soll es nur laufen lassen. Das einzige, was dann bei mir läuft sind meine Beine alle 10 min. auf die Toilette. Einmal, als ich mich zum x-ten mal über die unglaubliche Konstruktion eines Kotzbeckens hänge, ist mir ein Brillenglas aus der Fassung gefallen und hat sich im Gully verabschiedet. Das ist das erste Mal, dass ich kurzfristig den Gedanken habe, jetzt einfach nach Hause zu laufen. Mittlerweile wimmelte es überall von Verbindungsfuzzis. Ich glaube, die vermehren sich durch Biertrinken. Stunden später stehe ich dann tatsächlich auf der Lutherstraße, und Ulf redet auf mich ein, dass wir jetzt noch einen kleinen Umtrunk bei den Wingolfern zu uns nehmen. Und danach bei den Phillipern und dann bei den Rheinfranken und dann zu den Germanen und zum Schluss noch ein kleines Bier bei den Teutonen. Ich reagiere nicht mehr auf das, was Ulf sagt, und laufe ihm einfach hinterher. Doch irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich alles um mich herum dreht. Bei den Phillipern sind wir dann nur kurz, weil ich Ihnen versehentlich beim Hallosagen in den Eingang kotze. Dafür ist mein Gesamtzustand schon wieder viel besser, als wir bei den Teutonen klingeln. Offensichtlich hat mein Körper es aufgegeben, sich gegen den Alkohol zu wehren. Die Teutonen sind sehr lustig und haben bunte Hüte und grellgrüne Zirkusklamotten an. Aber wenn ich mir auch mal so einen Hut aufziehen will, werden sie plötzlich stinksauer. Bei meinem mittlerweile 500sten Besuch einer Toilette innerhalb von sechs Stunden laufe ich auch durch die oberen Stockwerke des Verbindungshauses und lande schließlich im Fechtraum. Da lasse ich einen Degen und eine Gesichtsschutzmaske mitgehen, die exakt so aussieht wie die Gesichtsmaske von Hannibal Lecter im Film „Das Schweigen der Lämmer“. Körperlich geht es mir wieder etwas besser, weil ich bei den Teutonen ein paar Biere weniger getrunken habe. Was aber auch nicht lange hält, weil ich das alles wieder mit ein paar Schnäpsen bei den Germanen nachhole. Aber egal. Ulf ist längst irgendwo auf einem der schweren Eichentische eingeschlafen. Für mich eine gute Gelegenheit, um unbemerkt zu fliehen. Um halb sechs Uhr morgens habe ich sowieso keine Lust mehr zu trinken. Außerdem sehe ich nicht mehr richtig, weil ich nur noch ein Brillenglas habe. Ich schwitze, ich stinke, mir ist schlecht, und ich bin schon wieder überall nass weil es immer noch regnet. Jeder, der mich sieht, muß mich für eine fünf Tage alte Waldleiche halten, die plötzlich auf den Gedanken kommt, dass tot sein eigentlich langweilig ist und jetzt zombieartig durch die Gegend stolpert, um bei den Leuten Verzweiflung und Schrecken hervorzurufen. Mit der Hannibal-Lecter-Maske auf dem Kopf und einem Degen in der Hand, stolpere ich die Lutherstraße runter durch die Oberstadt und brülle jeden an, dem ich begegne: „Ich bin ein Besucher, ich bin ein Besucher“.

 

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