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Marburg 2012
Wir schreiben das Jahr 2012. In Marburg herrscht absolutes Chaos. Die Mietpreise sind ins Unermessliche gestiegen. Mit fatalen Folgen für alle Studenten. Auch für Tobias. Als er vor ein paar Jahren nach Marburg kam, konnte er sich für 500 Euro gerade noch ein 10qm-Zimmer leisten. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Schon mit der nächsten Mietpreiserhöhung blieb ihm nichts anderes übrig als auszuziehen. Für einige Zeit übernachtete er in der Badewanne eines Freundes, der ihm dafür satte 300 Euro abknöpfte. Für die Nutzung der sanitären Anlagen musste er extra zahlen. Aber das alles war immer noch besser als die eisigen Wintertage in einem Zelt unter einer der zahlreichen Lahnbrücken zu verbringen. Wie es viele Studenten bereits müssen. „Es wird sich schon was finden“, sagt sich Tobias immer wieder. Aber es findet sich nichts. Im Gegenteil, es wird schlimmer. Nur noch die Reichen können von sich behaupten, ein eigenes Zimmer zu besitzen. Alle WGs sind randvoll überbelegt. Alles ist vermietet. Selbst die Mensa wurde zu einer überdimensionalen WG umfunktioniert und ist jetzt fest in den Händen der Theologen, weil Theologen gerne unter einem Dach vereint sind. Nähert sich ein Fremder dem Mensa-Gebäude, wie es vor Kurzem ein Informatiker tat, wird er als Ungläubiger beschimpft und vom Dach der Mensa mit Essensresten beworfen. Ja, es sind harte Zeiten angebrochen. Die Wohnsituation verschlechtert sich fast monatlich. Die Mietpreise quellen über wie der Milchschaum in der großen Tasse Kaffee beim Roten Stern. Ach ja, der Rote Stern, das Quodlibet, das Cafe Barfuß, ja sogar die Cavete. Sie alle sind längst nicht mehr Orte des unbeschwerten Lebens. Im Jahr 2012 haben sie durchgehend geöffnet und sind nur noch beheizte Aufenthaltsorte für wohnungslose Studenten, die sich dort einen Teller heiße Suppe abholen können. Maximal 2 Stunden Aufenthalt sind jedem gestattet. Wer länger bleibt, wird rausgeschmissen. Auch für Tobias sind die 2 Stunden längst um. Jetzt ist es Zeit für ihn, sich auf den Weg zu machen. Nach Hause. Zur Konrad-Adenauer-Brücke. Es ist die große Zeit der Lahnbrücken-WGs. Bewohner der Lahnbrücken-WGs werden auch Lahnis genannt, und weil sie erbärmlich stinken, sind sie nicht sonderlich beliebt bei der Marburger Bevölkerung. Ein Lahni zu sein, hat eigentlich nur einen Vorteil: Man hat immer etwas mehr Platz um sich herum. Für Tobias bedeuten die Lahnis aber mehr. Sie sind sein Zuhause. Seine Familie. Es war seine letzte Chance, irgendwo unterzukommen und die wärmende Betonplatte einer Brücke über seinen Kopf zu haben. Hier genießt er den Schutz der Gemeinschaft und kann sich mit Leuten seines Semesters über die alltäglichen Herausforderungen des Studiums unterhalten. Tobias ist glücklich bei den Lahnis. Obwohl alle Lahnbrücken überwiegend von BWLern besetzt sind, werden auch Mathematiker geduldet. Im Gegenzug helfen sie den BWLern, durch Statistik ? zu kommen. Nur so ist eine friedliche Koexistenz von BWLern und Mathematikern überhaupt möglich. Außerdem ist es bei den Lahnis immer noch besser als bei den Bahnis. Die Bahnis, das sind die Wohngemeinschaften am Bahnhof. Aber dort ist es noch schmutziger, und ein beständiger Geruch von Abfällen, Kot und Urin liegt in der Luft. Außerdem zählen zu den Bahnis überwiegend Psychologen, denen es sowieso egal ist, wo sie sind, weil sie nicht wissen, wer sie sind und was sie sind. Außer den Psychologen wohnen auch noch ein paar gescheiterte BWLer am Bahnhof. Aber auch nur, weil sie noch Geld von den Eltern bekommen. Außerdem kann man sich am Bahnhof billig besaufen. Nein, zu den Bahnis wollte Tobias auf gar keinen Fall. Obwohl, so viele Mathematiker gibt es bei den Lahnis auch nicht. Um sich mit anderen Mathefuzzis auszutauschen, muss er regelmäßig in die Innenstadt laufen. In die Innenstadt zu gelangen, ist aber mittlerweile nicht mehr so einfach. Marburgs Bürgermeister, übrigens stolzer Besitzer einer 20-Zimmer-Wohnung, setzte die Einrichtung eines Security-Services durch, der Tag und Nacht durch Marburg patrouilliert, um herumstreunende, wohnungslose Studenten von den Straßen zu räumen. Vor allem die zahlreichen Mediziner sind davon betroffen. Eine beliebte Vorgehensweise des Security-Services ist es, die Leute im Schlaf zu überraschen. Sie binden ihre Schlafsäcke am Kopfende zusammen, werfen sie auf einen LKW und kippen die gesamte Ladung bei der nächsten Gelegenheit von der Konrad-Adenauer-Brücke. Anfangs ärgerte das die Bewohner unter der Konrad-Adenauer-Brücke, weil sie sich vom Gestank der angeschwemmten und aufgequollenen Schlafsack-Leichen in ihrer Wohnqualität beeinträchtigt fühlten. Später aber gingen sie dazu über, die Schlafsäcke zu reinigen und an neu ankommende Studenten zu verkaufen. So kommt es vor, dass ein Schlafsack schon mal öfters den sogenannten „Lahnsprung“ von der Brücke mitmacht. Mit dem Verkauf von gebrauchten Schlafsäcken öffnete sich für die BWLer ein neuer lukrativer Wirtschaftszweig, und sie verdienen sich einen Arsch voll Geld. Was ihnen aber auch nicht viel bringt, weil sie den größten Teil der Kohle für Statistik ? Nachhilfe an die Mathematiker weiterreichen müssen. |
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