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Die Geistesblitzer

Die zwei Geistesblitzer haben Mittagspause und hängen am obersten Ende der etwa 100 Meter hohen und 700 Meter breiten Betonwand. An Händen und Füßen haben sie Saugnäpfe, mit denen sie sich an der Wand festsaugen. Wegen der fantastischen Aussicht verbringen sie ihre Mittagspause gerne hier oben an der Wand. Sie packen ihre belegten Brote aus und trinken Apfelsaftschorle. Manchmal auch Radler oder Hefeweizen. Aber letzteres nicht so oft, weil sie bei ihrer Arbeit einen klaren Kopf behalten müssen. Ihr Job ist es, die Geistesblitze von Menschen in großen roten Buchstaben auf die Betonwand zu sprühen. Denn erst wenn ein Geistesblitz an die Wand gesprüht wurde, ist er für die Menschen sichtbar. Dann sagen die Menschen so Sachen wie „Ich sehe es vor mir!“ und reden davon, dass sie eine Vision, einen Einfall oder eine Idee haben. Und dann halten sie sich für genial und erfinderisch. Dabei sind es die Geistesblitzer, die das alles erst möglich machen. Sie sind die Entwicklungshelfer der Menschheit. Die Handlanger. In Sekundenschnelle müssen sie die Einfälle der Menschen mit einer roten Farb-Spraydose auf die graue Betonwand sprühen. Ein stressiger Job, zumal sie hinterher alles wieder wegwischen müssen, damit Platz ist, für neue Geistesblitze. Ab und zu kommt es auch vor, dass ihre Saugnäpfe versagen. Dann fallen sie von der Wand und verletzen sich. Je nach dem, wie tief sie fallen. Aber für diesen Fall haben sie ein Netz am Boden gespannt, das sie auffängt. Schließlich haben beide Geistesblitzer Frauen und Kinder zu ernähren. Sie machen den Job schon lange und sind sehr geübt darin, mit den Saugnäpfen an der Wand entlang zu flitzen. Ihre Spraydosen sind am Helm befestigt und werden per Hand mit Hilfe einer eingebauten Fernbedienung am rechten Saugnapf bedient. Ein Wort mit sechs Buchstaben schaffen sie schon in drei Sekunden. Das muss man sich mal vorstellen. Allerdings haben beide schon einen krummen Buckel, und ihre Gesichter sind von Wind und Wetter rauh und faltig geworden. Auch ihre Kondition hat schon etwas nachgelassen, und sie müssen öfter als früher Pausen einlegen. So wie jetzt. Sie packen ihre belegten Brote aus und hängen mit beiden Saugnäpfen an der Wand. Die Hände haben sie frei. Das war früher nicht möglich. Da musste immer eine Hand zusätzlich an der Betonwand festgesaugt bleiben, wegen der Absturzgefahr. Aber seitdem das Saugnapfmodell GX3000 auf dem Markt ist, geht alles viel besser. Manchmal, wenn ihnen langweilig ist, weil die Menschheit gerade keine neuen Geistesblitze hat, haben sie nur Unsinn im Kopf. Dann laden sie andere Geistesblitzer ein und spielen Wandball. Bei Wandball werden rechts und links der Wand auf halber Höhe Netztore gespannt. Ähnlich wie beim Rugby muss dann jede Mannschaft versuchen, den Ball in das gegnerische Tor zu tragen. Strafpunkte gibt es, wenn man den Ball fallen lässt. Erlaubt ist es aber, die Saugnäpfe des gegnerischen Spielers aufschnappen zu lassen. Der Spieler muss dann zwangsweise den Ball abgeben, um sich mit den Händen an der Wand zu sichern. Tut er das nicht, und lässt er sich von der Wand ins Fangnetz am Boden fallen, gibt es Strafpunkte. Wandball ist der beliebteste Sport bei den Geistesblitzern und bietet ihnen eine willkommene Abwechslung vom hektischen Alltag. Denn wenn ein Geistesblitz da ist, muss alles wieder sehr schnell gehen. Es macht Spaß ihnen zuzuschauen, wie sie fast fliegend an der Betonwand entlang flitzen und ihre Saugnäpfe die Wand nur für den Bruchteil einer Sekunde berühren, um ihnen den richtigen Halt zu bieten. Sie beherrschen ihren Job perfekt. Und dennoch, manchmal stehen auch sie vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Wenn es sich zum Beispiel um einen fremdsprachigen Geistesblitz handelt. Wie vor kurzem auf japanisch. Da kommt es auch schon mal vor, dass sie sich verschreiben.
Kein Mensch hat jemals die Geistesblitzer zu sehen bekommen. Nur ich. Durch Zufall. Auf der Suche nach einem wichtigen Gedanken, der mir irgendwie verloren gegangen war. Auf der Suche nach dem Gedanken bin ich immer wieder auf eine Wand gestoßen. Eine Art Denkblockade. Eine Barriere. Ich wollte immer durch diese Wand hindurch, weil ich den Gedanken dahinter vermutete. Ich ahnte nicht, dass es genau diese Wand war, auf der all meine Gedanken einmal geschrieben waren. So stand ich vor dieser leeren Wand und versuchte verzweifelt hindurch zu kommen. Glücklicherweise haben die Geistesblitzer nicht sauber genug gearbeitet und meinen letzten Gedanken nicht vollständig weggewischt. Während ich also verzweifelt auf die Wand starrte, konnte ich plötzlich die Umrisse meines letzten Gedankens wieder erkennen. Und nach und nach konnte ich jeden einzelnen Buchstaben rekonstruieren. Die Wand war keine Barriere, sondern die Tafel meiner Gedanken. Seitdem versuche ich immer wieder, die Geistesblitzer bei ihrer Arbeit zu beobachten. Was nicht gerade leicht ist, weil ich nie im voraus ahne, wann ich einen genialen Einfall habe.

 

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