Peter Janicki
Peter mag Comics, scharfes Essen, Milchkaffee und Malzbier. Als stiller Beobachter der großen und kleinen Dinge des Lebens driftet in seinen Texten nur allzu oft ins Absurde ab. Sein Humor ist eigensinnig und abgefahren und trotzdem (oder gerade deshalb) zählt er seit Jahren zu den Stars der Lesebühne.
Video:
“Kein Wasser mehr für Jesus” (zu Gast beim Lautsprecher Slam in Berlin)
Texte:
Völkermorde
Als 1994 die Hutus die Tutsi wegmetzelten – 800 Tausend Tote in 100 Tagen – da dachte ich: „Dass ist jetzt aber ein neuer Geschwindigkeitsweltrekord in Völkermord.“ War aber nur Afrikarekord, ich meine: Stalin 32/33: 1 Jahr, 5 Millionen Tote. Oder Mao, 30 Jahre später, gut, kein Völker-, sondern „nur“ ein Massenmord – aber trotzdem, in besten Zeiten knapp 10 Millionen pro Jahr. Bloß: Es gibt ja auch mehr Chinesen – immer noch.
Um auf einen nationalen Schlimm-Schlimm-Wert zu kommen, muss man natürlich die Toten in Relation zur Bevölkerung setzen. Sonst haben so Leute wie Pinochet oder Franco gar keine Chancen auf Spitzenplatzierungen. Obwohl: gegen Pol Pot ist auch egal.
Weltkriege. Die seien schlimm gewesen. Na ja. Der Zweite Weltkrieg: 50, vielleicht 60 Millionen. Also selbst wenn man die erste Halbzeit weglässt (bis Moskau oder so) 50 Tausend Tote am Tag? Und davon ja auch noch viele für einen guten Zweck, also gegen das damalige Deutschland.
Bloß ist dieser Todeszahlenfetischismus eh albern: sterben tut jeder mal, da muss man nicht groß zählen, übel ist natürlich, wenn man vorher lang gefoltert wird oder so. Da bei diesem Hutu-Tutsi- Völkermord, da hat man so ziemlich die volle Bandbreite an Grausamkeiten gemacht – also, Elektroschocks weiß ich nicht, weil, Klischee sagt: Afrika unterentwickelt, die haben gar keinen Strom… – andererseits, wahnsinnig viele Leute wurden ertränkt, und da guckt man ja auch erst mal blöd: Afrika? Heiß? Wüste? Und die ertränken Leute? Schlimm natürlich, war aber glücklicherweise schnell vorbei. Und man muss auch mal sagen: viele der Toten wären sonst halt an irgendwelchen anderen Sachen gestorben.
Ohne Medikamente an AIDS sterben zum Beispiel, das machen auch so einige Tausend Menschen am Tag. Da könnte man sagen, das entspricht quasi auch einem veritablen Völkermord. Aber: 1.: Man bringt die ja nicht um, es ist ja nur ein sterben lassen und 2.: auch weitgehend unabhängig der ethnischen Zugehörigkeit. Außerdem wären die sonst an irgendwelchen anderen Sachen gestorben.
Am Hunger zum Beispiel. Keine Ahnung, 30, 60 Millionen jedes Jahr? Das ist wirklich schlimm mit dem Hunger. Weil: von verhungern, da kann man eine Depression von kriegen (weil der Hormonhaushalt entgleist). Und die meisten Afrikaner und Asiaten haben ja auch keinen Zugang zu Antidepressiva. Und Trinkwassermangel – auch schlimm, wirklich schlimm. Ist aber etwa geographisch etwa deckungsgleich mit Hunger, also tröstlich: die leiden nur einmal.
Da kann man natürlich mal sagen, dass sich das ganze Elend natürlich nicht relativiert. Man kann ja das eine Elend nicht aufrechnen gegen anderes Elend. So nach dem Motto: „Die sollen sich mal nicht so anstellen, weil es gab schon Menschen, die hatten es noch schlimmer oder so.“ Krudes Beispiel vielleicht: ich mag Sport, Kanusport, aber ich hab eine Sehnenscheidenentzündung und kann deshalb nicht mehr. Das ist schlimm. Und wenn ich jetzt in der Zeitung lese, dies Jahr würden knapp 100 Millionen Menschen mehr hungern – das tröstet mich ja nicht (höchstens ein bisschen).
Da müsste man natürlich was machen. Aber gegen Sehnenscheidenentzündungen kann man nicht viel machen. Gegen das andere müsste man auch was machen. Drüber reden vielleicht. Oder vielleicht sogar einen Text schreiben. Einen gesellschaftkritischen Text, geradezu Kabarett vielleicht.
So einen Text wo die Leute nachdenken, zum Beispiel über Krieg, oder ob schwule Kindersoldaten eigentlich das Gegenteil von lesbischen Krankenschwestern sind und wo die Zuhörer am Ende sagen: ich hab meine Meinung geändert: „Jetzt bin ich auch gegen Völkermord“. Oder gar: „Krieg ist doof! – Ich mach mir jetzt gleich´n Button.“ Ja, so´n Text der was bewegt und verändert, so´n Text, wo man sich vielleicht freut, dass man ein schlechtes Gewissen kriegt, weil das bedeutet, dass das Gewissen noch funktioniert und man noch nicht so abgebrüht ist, ja! Ja – … nee – da musste man wirklich mal was machen.
Aber womit anfangen? Vor 60, 70 Jahren, klare Sache, Prioritätenliste simpel: in den Widerstand gehen. Nur: wer damals im Widerstand war, der ist ja heute alt oder tot, und ist ja beides Scheisse. Andererseits: wer damals dabei war, der könnte da heute stolz drauf sein – also damals auch, aber damals halt mehr so für sich, und so ´n büschn positives Feedback von der Allgemeinheit will man ja schon haben.
Vielleicht sollte man was tun, gegen den Hunger in der Welt oder gegen Trinkwassermangel. Aber wenn man vielleicht noch studiert … und dann muss man noch Geld verdienen nebenbei … und hat vielleicht auch noch eine Freundin und so … und vielleicht klappt das gar nicht mit dem Widerstand (und man kann da hinterher gar nicht von leben) – da ist es dann vielleicht doch besser, erst was richtiges zu lernen, und nen guten Job zu finden und dann, dann kann man sich das mit dem Widerstand auch leisten – zeitlich und finanziell. Oder: man schreibt halt noch einen überflüssigen gesellschaftskritischen Text. Das geht immer. Und dann trag ich den Text irgendwo vor, wo das alles total neu ist für die Zuhörer, total neu alles. Bestimmt.
Und wenn ich gewinne, dann kaufe ich mir das gebrauchte Jugendstilsofa.
Drachenfangen
Ich hab mal gezählt: ich mache mich über blinde, farbige, political correcte menschen, die das aber vielleicht nicht begreifen werde, weswegen ich sagen würde, dass ich mich auch über dumme menschen lustig mache und vielleicht auch über adlige und burschenschaftler, menschen mit multipler sklerose, afrikaner und asiaten und frauen lustig. es ist nicht nett, sich über minderheiten lustig zu machen, aber der text funktioniert sonst nicht.
Ich wollte eine Prinzessin haben, weil ich einen Drachen haben wollte, weil ich viele Prinzessinnen haben wollte. Weil, Drachen bringen immer neue Prinzessinen und es ist sehr schwer heute im Trauma zum Beispiel Prinzessinen kennen zu lernen, weil die Musik immer so laut ist und außerdem sind Prinzessinen ja Frauen und die wollen oft tanzen und ich bin keine Frau, das ist gut, da ergänzt man sich vielleicht, dass ist gut wenn man sich ergänzt, aber nicht zu sehr ergänzen, so ein ergänzen wie: sie mag Schokolade und ich mag Chips, dass ist ein gutes ergänzen, eine gute Grundlage, denn da isst man sich nichts weg gegenseitig und kann sich trotzdem zum Frühstuck verabreden, aber tanzen jedenfalls tue ich nicht, und wenn doch, dann bin ich sehr betrunken, da muss ich mich dann aber erst mal selber kennen lernen vielleicht und dann noch eine Prinzessin kennen lernen, dass ist dann vielleicht zu viel kennen lernen auf einmal, da kann ich ja nur noch zugucken dann. Und vielleicht und eigentlich sogar sicher, aber sowieso sind Prinzessinen selten im Trauma, weil die selten in Marburg sind, weil die selten studieren, weil studieren tun ja fast nur Leute, wo die Eltern arbeiten.
Also stellte ich ein Trampolin auf einen Berg und befestigte ein Schild daran: „Prinzessinnen springen umsonst.“ Dann verkleidete ich mich als Außendienstmitarbeiter des Amtes für Trampolinsicherheit und wartete … Als dann die schönste Prinzessin trampolinte (Anmerkung: „trampolinen“ ist ein schönes Wort), kam ich aus dem Gebüsch und hüstelte, so würde das nicht gehen, „wegen der Sicherheitsvorschriften, sie müsste sich anleinen“ wollte sie nicht, sie bot mir Sex an, aber sie stand auf SM und ich kann nur MS. Also leinte ich sie an einem Baum an. Jetzt könnte sie kein Drache einfach entführen, denn auf den Baum würde ich aufpassen und Bäume laufen ja auch nicht weg.
Kurze Zeit später kam ein Drache angeflogen und weil die Prinzessin so wild trampolinen tat (mmh: trampolinen) kollidierte er mit der Prinzessin. Die Prinzessin ging kaputt und der Drache stürzte bewusstlos ab. Ich holte meine Handschellen raus und machte ihn an einem Rosenstrauch fest. Drachen würden so schöne Sachen nämlich sicher nicht kaputt machen bestimmt und zweitens Stacheln.
Drache wollte aber nicht bei mir zu Hause wohnen. Wir fanden recht schnell eine dunkle Höhle die ihm behagte, aber leider ist Marburg ja Blindenhauptstadt und deswegen sind hier alle Höhlen besetzt. Das war blöd. Wir setzten uns mit den Blinden zusammen, es waren viele und sogar Farbige waren dabei und ich finde es immer besonders schade, wenn Farbige blind sind, aber nun ja, wenn man will, kann man sie ja trotzdem diskriminieren. Ich erklärte ihnen, dass ich sie heilen würde und machte ein wenig Kauphonetik, dass hatte ich gelernt von meiner Logopädin und dann sagte ich ihnen, dass sie gesund seien.
Die Blinden sagten, dass sie keinen großen Unterschied sehen würden und ich sagte, dass das sehr menschlich sei, man sei halt immer scharf auf das, was man nicht haben könnte, und dann stelle man fest, dass es so dolle nicht sei, wonach man ein Leben lang gestrebt hat, Hochzeit, Rente oder Marburg, aber schlechter Charakter sei es trotzdem, das sollte man vielleicht nicht so rumposaunen. Außerdem sei hier jetzt Polarnacht, da sei das halt ein halbes Jahr dunkel, dass sei wegen der Klimaerwärmung, dass jetzt hier Polarnacht, deswegen sei das hier auch nicht so kalt, wie man vielleicht meinen müsste, dass es am Nordpol kalt sein müsste, was beweisen täte, dass ich die Wahrheit spräche, zumal es sich sogar reimen täte, tata!
Ein Blinder stellte sich als Rolf vor, und er sah auch so aus, sogar, als ob er schon immer so geheißen habe, er sagte, dass er aber keine Eisbären sehen könne! Und weil ich ein geduldiger, netter Mensch bin, erklärte ich ihm, dass die Eisbären in der Polarnacht ja natürlich Fellwechsel hätten! Mit hellem Fell könnten die ja schlecht jagen, da könnten die sich ja gleich Weihnachtsbeleuchtung umhängen, obwohl das jahreszeitlich passen würde. Das überzeugte die Blinden und sie verließen die Höhle. Drache hatte eine neue Wohnung. Hier könnte die Geschichte ein gutes Ende nehmen, aber ich stellte fest, dass ich etwas hungrig werden würde.
Hunger gehört aber zu den Zuständen von denen ich fette Abstände haben möchte. Ich meine, an Hunger, da sterben jedes Jahr vielleicht 30 Millionen Menschen dran. Will sagen: Angst vor Malaria, Haushaltsunfällen oder Selbstmord: völlig überschätzt. Die wahre Gefahr ist der Hungertot. Viel wahrscheinlicher. Und da kann man jetzt sagen, ja, aber es verhungern vor allem Leute in Afrika oder Asien, aber das macht es ja nicht besser! Ich meine, in Afrika ist wenigstens warm und in Asien auch, aber nicht überall in Asien warm, und das macht mich dann schon traurig. Bringt aber nix.
So was darf man wahrscheinlich nicht sagen. Ich meine, es gibt Dinge, die sind eigentlich immer und überall und egal wann falsch zu sagen. Deswegen: Wenn man zum Beispiel heute sagt: „Nicht alle Juden sind schlecht.“ Schwierig. Oder: man stelle sich vor, man steht in einem Klassenraum 1944 auf und sagt: Nicht alle Juden sind schlecht.“ Kommt auch nicht gut. Dabei stimmt der Satz. Grammatik und Inhalt sind absolut proper. Aber bygones, schwamm drüber.
Drache machte aus den Blindenstöcken ein schönes Lagerfeuer, aber im nachhinein war das nicht ganz so klug, weil: ohne Blindenstöcke keine Marshmellows, weil wie denn, womit denn? Wir gingen in die Küche und suchten eine Speisekarte, fanden aber nur den kleinen Bruder von Speisekarte: Esspapier. Esspapier, Speisekarte des kleinen Mannes. Wir überlegten kurz die Blindenhunde zu essen, aber die sind so brav, so still, da macht das töten doch keinen Spaß?! Deswegen legten wir sie direkt aufs Feuer.
Als wir dann satt waren und ums Feuer lagen und uns Geschichten erzählten war das sehr schön und mir fiel auf, dass ich glücklich war. Und da wurde ich ein wenig traurig, denn oftmals bin ich traurig, weil ich merke, dass ich nicht gut darin bin glücklich zu sein. Und nun stellte ich fest, dass ich mich getäuscht habe und doch ganz ok darin war glücklich zu sein und das machte mich traurig. Gefühle können so Achterbahn sein, Gefühle können sogar eine Zwergenachterbahn in einer echten Achterbahn auf einem sich rotierenden Planeten sein manchmal, aber wer weiß das nicht.
Ich erzählte dass alles Drache und er sagte, dass es bestimmt ein langer Tag gewesen sei, er machte mir einen Kakao, ließ mich meine Zähne putzen, hauchte mein Zimmer warm, flog mich ins Bett – dreimal sogar, weil es verdammt Spaß machte – deckte mich zu und ließ mich einschlafen.