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Der Rattenkönig
Dieser Geruch. Von allen Erinnerungen blieb er am stärksten. Als wir das Haus betraten, umfing er mich mit einer Macht, die alle anderen Sinne ausschaltete. Er kroch nicht nur in die Nase, sondern drang in jede Körperöffnung, jede Pore meines Körpers ein und besetzte ihn innen und außen vollständig und kompromisslos. Wie eine unsichtbare, alles durchdringende Macht okkupierte er mein Gehirn bis in die kleinste Windung. Wie benommen ging ich hinter meinen Eltern und Geschwistern, die sich von dem Hausbesitzer durch die Räume führen ließen.
"Natürlich ist es renovierungsbedürftig!! Der letzte Bewohner ist vor fünf Jahren gestorben, und seitdem steht das Haus leer. Die Kinder haben die Fensterscheiben eingeworfen. Und auch der Garten ist völlig verwildert. Aber der Boden ist sehr gut und wegen der Fenster kann ich Ihnen im Preis entgegen kommen!"
In den Zimmern standen verstaubte Möbel, altes Geschirr, im Küchenschrank angebrochene Haferflocken und Graupen, die sichtbar als Nahrung für Generationen von Mäusen gedient hatten.
Drei Wochen später zogen wir ein. Die Erben des letzten Besitzers hatten inzwischen die brauchbaren Möbel abgeholt. Es waren nicht viele, so dass wir alle in den ersten Tagen mit dem Ausräumen der Zimmer beschäftigt waren. Zunächst waren nur Schlafzimmer und Küche bewohnbar. Wenn ich nicht helfen musste, begab ich mich allein auf Entdeckungsreisen durch die unerschlossenen Räume. Es zog mich immer wieder zum Keller - der Geruch lockte. Aber noch wehrte ich mich mit aller Kraft, ihm zu folgen. Ich wusste, dass ich bald unterliegen würde. Es war nur eine Frage er Zeit.
Zunächst erforschte ich jedoch den Dachboden. Mit einer Leiter erreichte ich die kleine Bodenluke, stützte mich ab und schwang mich nach oben. Von dem aufgewirbelten Staub musste ich niesen. Durch das kleine Dachfenster fielen die Strahlen der Mittagssonne und erleuchteten die feinen Staubkörnchen zu einer schrägen Säule. Am Ende der Säule entdeckte ich einen Strohhaufen. Er war nicht besonders groß, ziemlich plattgedrückt, und in der Mitte war eine Kuhle. Ich ging näher. Das Stroh reichte fast bis zur Dachschräge, und in dem schmalen Zwischenraum lagen drei kleine, leere Schnapsflaschen. Zwei zerdrückte Deckel lagen daneben; der dritte fehlte. "Hieronymus, Du hast wieder getrunken!" Meine Stimme zerschnitt die Stille, und erschreckt schaute ich mich um. Alles war unverändert. Erleichtert wand ich mich wieder dem Strohhaufen zu, beugte mich hinab und nahm die leeren Flaschen. Ihr Geruch weckte vertraute Erinnerungen in mir; angeekelt schleuderte ich die Flaschen zurück, rannte zur Luke, sprang hinab und lief so schnell ich konnte aus dem Haus.
Erst unter der Linde blieb ich atemlos stehen und holte tief Luft. Es duftete nach Flieder, und die Sonne glitzerte durch die Blätter des Baumes, so dass sie ganz hellgrün und wie mit einem Goldrand aussahen. Ich legte mich ins Gras, spürte die warme Erde, die Sonne, den kaum wahrnehmbaren warmen Lufthauch und betrachtete die Baumkrone. Eine Amsel kam angeflogen und setzte sich auf einen Zweig. "Guten Tag, Adele. Wie geht es Dir? Was macht die Familie?" Sie schien sich nicht unterhalten zu wollen, sondern reckte ihr schwarzes Köpfchen nach oben. Das ärgerte mich ein bisschen. "Darfst Du überhaupt alleine weg? Was sagt denn Dein Mann dazu, wenn Du hier nach anderen Vögeln Ausschau hältst?" Sie ließ einen weißen Klecks fallen und flog ohne sich um mich zu kümmern davon. Ich ging zum Haus zurück.
Es war soweit. Die Stromkabel im Keller waren noch nicht verlegt, und die kleinen Fenster mit den dichten Gittern ließen nicht viel Licht herein. Ich wusste, dass es dunkel sein würde. Nichts fürchtete ich so sehr wie die Dunkelheit. Mein Herz schien fast zu zerspringen.
Ich ging hinunter, der Geruch leitete mich. Vorsichtig, mit winzig kleinen Schritten, tastete ich mich vorwärts. Mein Fuß trat auf etwas Weiches. Den Schrei unterdrückend zog ich den Fuß schnell zurück. Nichts rührte sich. Wahrscheinlich war es ein alter Lumpen. Langsam ging ich weiter. Je stärker der Geruch wurde, umso mehr schwand meine Angst. Mit traumwandlerischer Sicherheit durchquerte ich die ersten beiden Räume. Dann zog ich den rostigen Riegel der morschen Holztür zurück und trat ein.
Er erwartete mich.
Eine Weile betrachteten wir uns stumm. Seine goldene Krone schimmerte und gab der Dunkelheit einen merkwürdig leuchtenden Schein, der eigentlich nicht zu sehen, sondern nur zu spüren war.
"Also, sprich!" Seine Stimme schien aus allen Ecken und Wänden zu kommen. Sie war leise, aber mächtig und flößte mir ein grenzenloses Vertrauen ein.
Ich begann zu weinen: "Er liebt mich nicht mehr. Er schaut mich nicht einmal mehr an. Wenn ich komme, dreht er sich weg." Jetzt fühlte ich wieder diese Wut.
"Es ist Dein Bruder." Seine Feststellung war ruhig und bestimmt.
Ich brach in ein lautes Schluchzen aus. Mein Körper bebte. "Ja, es ist mein Bruder. Seit er geboren ist, kümmern sich alle nur noch um ihn. Auch er. Er hat gesagt, ich darf jetzt nachts nicht mehr zu ihm kommen. Alles ist anders. Er küsst Mama. Er spielt mit dem Bruder. Wenn er mich anschaut, sieht es aus, als ob er Angst hat. Er hat mir ein kleines Radio geschenkt, nur für mich; aber ich habe es kaputt gemacht. Ich will kein Radio. Ich will, dass er mich wieder lieb hat. Der Bruder kann doch noch gar nicht so mit ihm spielen wie ich. Ich hab ihn gefragt, ob ich etwas falsch mache. So wie früher, als ich noch nicht genau wusste, was ich machen soll. Ich habe ihm versprochen, dass ich mich ganz doll anstrengen will und dass ich ihn auch nicht mehr frage, warum. Hauptsache, er hat mich wieder lieb. Aber er wollte nicht. Er hat gesagt, wir müssten jetzt vernünftig sein und sollen unser Geheimnis vergessen und nie jemand etwas davon verraten. Er hat sogar bitte, bitte gesagt und mir einen Kuss auf die Stirn gegeben. Aber als ich mich an ihn kuscheln wollte, hat er mich weggehalten. Und an allem ist nur dieser blöde Bruder schuld. Wäre der doch nie geboren. Warum kann er nicht tot sein?"
Der Rattenkönig wartete, bis ich aufhörte zu weinen.
"Er wird sterben."
Er nickte mir zu, und ich wurde ganz ruhig.
Ich verließ den Keller, die Amsel war fort, und die Sonne schien nicht mehr. In der Nacht starb der Bruder. Der Vater liebte mich trotzdem nicht mehr. Er begann wieder zu trinken. Kurze Zeit später ließen sich meine Eltern scheiden.
Den Rattenkönig sah ich nie wieder.
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