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Hauptmännchen

Die kleinen Männchen sind wieder da.
Sie wohnen auf meinem Kopf. Immer wenn sie kommen, wohnen sie auf meinem Kopf. Ich weiß auch nicht warum, ich hab ja schließlich noch andere Körperteile, die meisten deutlich weicher. Sie könnten ja zum Beispiel mal unter meinen Achseln einziehen oder in meinen Bauchnabel, da ist es viel kuscheliger.
Aber nein, sie wohnen auf meinem Kopf, bauen sich Schaukeln aus meinen Haaren und kratzen auf der Kopfhaut. Manchmal klettern sie auch runter zu meinen Ohren, bohren sich tief in meine Gehörgänge und flüstern lüstern unanständige Sachen. So unanständig, dass ich das hier gar nicht wiederholen kann. Jedenfalls nicht die extrem unanständigen Sachen. Aber auch die nicht so extrem unanständigen Sachen bringen mich oft genug in Verlegenheit:
„ Guck mal, der da drüben, der dich so anlächelt“, ich gucke, total süß der Typ, wuschelige Haare, hübscher Mund, er lächelt mich tatsächlich an, ich lächele zurück, er kommt auf mich zu und…: „Der hat überhaupt keine Beule in der Hose.“
Und dann steh ich da und werde rot bis zu den Zehen und schaff es nicht, nicht hinzugucken… obwohl mir das sooo peinlich ist. Ehrlich. Ganz schlimm. Und ich starre und starre und kann überhaupt nicht aufhören.
Der Typ dreht sich wieder um, geht Richtung Klo und versucht unauffällig rauszufinden, ob sein Hosenstall offen steht.
Und die kleinen Männchen kriegen sich gar nicht ein vor Lachen. Wie witzig!! Ich glaube deshalb wohnen sie immer auf meinem Kopf, weil es ihnen Spaß macht mich zu verarschen und weil sie das besser können, wenn sie nah an meinen Gehörgängen wohnen.
Manchmal lachen sie auch nur einfach so, ohne mich vorher zu verarschen.
Ich denke dann immer, dass sie jetzt trotzdem über mich lachen, dass sie mich auslachen, ohne dass ich weiß, wieso.
Und das ist noch schlimmer. Besonders wenn ich nicht allein bin:
Beim Einkaufen, in der Kneipe, im Bus.
Erst zische ich ihnen ganz leise zu: „Hört bitte auf…“
Wenn das nichts nützt, werde ich lauter, versuche es mit Autorität
und irgendwann platzt mir der Kragen:
„Hört sofort auf mit diesem blöden Gekicher verdammt noch mal, Schluss mit lustig, auf der Stelle, sonst mache ich euch alle kalt!“
Im Supermarkt zucken dann immer alle zusammen, gucken erschreckt und fahren große Bögen mit ihren Einkaufswägen.
In der Kneipe fragt meistens irgend so ein Eierkopf: „Alless okä Bäiby?“ Klar, alles okay, außer, dass mich das Gekicher wahnsinnig macht und der Typ auch und ... am liebsten würde ich ihn mit den Männchen abmurksen...
Und  aus dem Bus fliege ich meistens raus, weil der Fahrer denkt, ich wäre besoffen.
Manchmal sind sie aber auch total nett, die kleinen Männchen.
Dann singen sie mir Lieder vor, mehrstimmig und im Kanon, erfinden Gedichte oder verraten mir die Lösungen für diese Quizshows. Wahnsinn, was die alles wissen. Was  sind die so unglaublich schlau, habe ich gedacht und –Gelache hin, Gelache her- uns bei Günter Jauch angemeldet zu „Wer wird Millionär“.
Mit so viel Wissen auf dem Kopf, was sollte da schief gehen?
Am Anfang klappte es ja auch prima. „Welche Farbe gibt es nicht auf der Verkehrsampel? A)Rot, B)Gelb, C)Grün oder D)Blau?
Noch bevor ich zum nachdenken kam, schrieen sie alle BLAUUU!
Die nächste Frage war zwar ein bisschen schwieriger, aber sie antworteten wieder bevor noch die Antworten eingeblendet wurden. Fast einstimmig. Nur einer oder zwei meinten, wir sollten den Publikumsjoker nehmen. Kennt man ja, ließ ich mich gar nicht durch verunsichern und antwortete: „C) Das tapfere Schneiderlein. Ganz sicher.“
Doch dann ging es los. „Wie heißt die Hauptstadt von Kanada? Ist es A) Ontario, B) Vancouver, C) Toronto oder D) Miami?“
„Ontario“, „Nee, Toronto“ „So ein Quatsch, Vancouver isses, da bin ich hundertprozentig sicher!“…
„Könnt ihr euch mal einigen?“ fragte ich möglichst leise mit der Hand vorm Mund. Herr Jauch schaute mich etwas seltsam an: „Was haben sie gesagt?“
„Nichts, ich habe nichts gesagt, ich überlege noch.“ Ich tippte mir leicht mit dem Finger an die Stirn, in der Hoffnung, das würde den Haufen da oben disziplinieren- aber es machte alles nur noch schlimmer.
„Kannst du mal aufhören rum zu klopfen, wir müssen uns vielleicht konzentrieren? … Also, wie war das… wer war schon in Miami? Und wer ist für Vancouver? ... Wen willst du denn anrufen, der hat doch keine Ahnung, der hält ja Lok für ‚nen Schweizer Kanton mit drei Buchstaben… und das bei ‚ner Erdkundefrage… doch Ontario?... Oder besser den fifty-fifty-Joker?“
Mir dröhnte der Schädel und ich wurde auch langsam sauer auf diese Schwachköpfe. „Okay, okay, wir nehmen den fifty-fifty-Joker!“
Herr Jauch bewahrte nur schwer die contenence. „Wie Sie wünschen Frau Römer!“
Vancouver und Miami fielen weg, und jetzt war erst richtig die Hölle los da oben.
„ Seht ihr, hab ich doch gleich gesagt….aber auf mich hört ja keiner…jetzt gib nicht so an, du Großmaul, du hast dich auch schon mehr als einmal geirrt, ….noch nie, nie hab ich mich geirrt, wie kannst du so was behaupten…sag mir wann, ja,….los…nenn nur ein Beispiel…ey, hört doch auf euch zu streiten…und blau hab ich auch gewusst…und ich Rumpelstilzchen, da wolltest du schon den Joker verballern…Hey es ist doch Toronto….halt du dich daraus… du hüpfst ja rum wie Rumpelstilzchen, … und… was geht dich das an? ….  Ich war auch schon mal in Miami….guck mal der im Publikum, vorne rechts, der hat den Hosenstall offen….“
Ich stieß einen lauten Schrei aus, goss mir das Wasserglas über den Kopf und sprang vom Stuhl. Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, war der Krach, als mein Kopf auf den Tisch knallte und tausende panischer Stimmen „Jetzt ist sie komplett durchgeknallt…bäh, ich bin ja ganz nass, wassen das fürn Krach hier…Hilfe ich verlier das Gleichgewicht….lass uns abhauen,…die ist ja verrückt…völlig Banane,…das ist ja lebensgefährlich hier, ..Miami, Miami….ich war auch schon in Miami, …..beeil dich, da kommen schon die Glassplitter…..die spinnt ja wohl… und es war doch Toronto …“


Dann kam ich erst im Krankenhaus wieder zu mir. Allein. Ganz allein. Die Erleichterung dauerte ungefähr 36 Sekunden. Ja, so lange bin ich auch schon gern mal allein. Man braucht ja auch mal bisschen Ruhe, nicht immer nur action. Man muss sich auch mal alleine beschäftigen können. Ich kann das. Ungefähr 36 Sekunden .Und dann war ich einsam, unglaublich einsam. Und es ging mir schlagartig grottenschlecht.
 Die Ärzte konnten nichts feststellen. Wie auch. War ja nichts mehr da. Nachdem ich geröntgt, geschallt, durch CT, MRT und PET und wie diese T-Dinger alle heißen gejagt worden war, literweise Flüssigkeiten abgezapft bekommen hatte und selbst der psychiatrische Konsiliardienst nichts mit mir anfangen konnte, wurde ich nach  zwei Tagen wieder entlassen.
Es war wirklich schrecklich, so allein. Ich wusste überhaupt  nicht, was ich machen sollte. Essen machte keinen Spaß, so allein, der Fernseher interessierte mich nicht, so allein und selbst das Bier schmeckte mir nicht mehr. Einschlafen konnte ich eh nicht ohne Gutenachtgeschichten.
Ich versuchte  alles, um sie wieder anzulocken.  Ich aß Cornflakes, weil sie das Knirschen so gern hörten, rauchte täglich drei Tütchen, weil sie auf das feeling abfuhren, wusch mir nicht mehr die Haare, schmiss Kamm und Bürste weg, um jedes Hindernis zu beseitigen, das sie an einem erneuten Einnisten eventuell würde hindern können und pulte mir stündlich die Auffanglager in den Gehörgängen frei ….alles umsonst. Sie kamen nicht.

Schließlich ging ich in die Apotheke und kaufte mir mit meinem letzten Geld 2 Röhrchen Schlaftabletten. Extra stark. Zur Sicherheit. Für acht Euro. Plus 10 Euro Rezeptgebühr. Und zehn Euro Beratungsgebühr. Und weinte.
Und da haben sie wohl gemerkt, dass es ernst wird und haben sich endlich erweichen lassen: seit gestern sind die wieder da.
Erst haben sie noch ein bisschen gemotzt, aber nach dem zweiten Tütchen haben  sie wieder Schaukeln in meinen Haaren gebaut, mir auf der Kopfhaut rumgekratzt, sind in meine frisch gepulten Ohren gekrochen und haben mir diesen Text geflüstert ...
Und morgen, denk ich, morgen meld’ ich uns mal bei Pilawa an! 


 

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