Kinotag
Der Tag, an dem du nicht ins Kino kamst, war der perfekte Kinotag, kühl, grau und regnerisch. Ich stand schräg neben dem Eingang, geschützt von einer Litfasssäule gegen Wind und Nieselregen und betrachtete mich in einer Pfütze.
(Ich bin kein eitler Mensch. Ich glaube, ich muss mich nur einfach von Zeit zu Zeit vergewissern, dass ich noch da bin).
Meine Wangen waren gerötet und die Haare klebten an der Stirn. Ich trug diese peinliche Regenjacke, in die wir beide gemeinsam hineinpassten.
Ich kam direkt aus der Gärtnerei und ich machte mir Gedanken darüber, ob man ein Kino überhaupt mit Gummistiefeln betreten dürfe. Abwesend zerrte ich an meiner Hose herum, um die hässlichen Stiefel zu verdecken. Unter meinen Fingernägeln klebte noch Blumenerde. Ich wusste, dass du es bemerken würdest. Wahrscheinlich habe ich meine Hände mit Absicht nicht gründlich gewaschen.
Unter meinem Arm klemmte die Tragetasche mit meinen Büchern und Notizen. Meine Gedanken befanden sich ebenfalls in der Tasche, bei meiner Arbeit, den gekritzelten Worten und den mit neongelbem Textmarker überschmierten Drucken.
Ich erinnere mich genau an den Duft von Popcorn und den der nahen Brauerei. Brauereien haben ihren eigenen Geruch. Ich rieche sie auf weite Entfernung, und ich genieße es, ohne Bier jemals wirklich gemocht zu haben. Du fandest das lustig, wie so vieles an mir. Du hast über so vieles immer einfach gelacht, während ich alles immer viel zu ernst genommen habe. Ich habe den Brauereigeruch melancholisch verklärt, ich habe an große, schwere Brauereipferde gedacht und an die Ringe der Fässer, die mein Großvater geschlagen hat. Meine Gedanken sind gewandert, durch die Werkstatt meines Großvaters, das Klopfen und Klirren, den metallischen Geruch der Werkzeuge - hin zu seiner dampfenden Tasse Malzkaffee, die immer auf der Fensterbank stand. Ich habe versucht, es dir zu erklären und du hast gefragt, ob ich ein Bier haben wolle. Damit waren wir wieder am Ausgangspunkt angelangt. Du warst immer woanders als ich, immer zu träge meinen Gedanken zu folgen. Dabei war ich doch die Realistische, die Standfeste, die Abgeklärte. Du hast meine Fassade immer mit wenigen Worten heruntergerissen ohne es zu merken. Vielleicht war es das, was ich an unserer gemeinsamen Zeit so geschätzt habe.
Ich stand vor dem Kino und ließ Bus um Bus passieren. Manchmal, wenn sie zu nah an mir vorbeifuhren, musste ich einige Schritte zurückweichen, um nicht nass gespritzt zu werden. Die Kreuzung war überfüllt, die Ampelphasen schlecht eingestellt, unzählige Scheibenwischerpaare quietschten leise hin und her. Ich zog mir die Kapuze tiefer ins Gesicht, um nicht von irgendjemandem angesprochen zu werden, der mich eventuell erkannte. Ich wartete auf dich. Es war Dienstag, es war Kinotag, es war allein unser Tag. Es gab keine Erklärung für all das. Wir wussten beide längst nicht mehr genau, wie es dazu hatte kommen können. Wieso wir jeden Dienstag vor dem Kino aufeinander warteten, egal, wie es uns ging, ob krank, traurig, schlecht gelaunt oder mit einem vollen Terminplan im Nacken. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier aber all dies ging über Gewohnheit hinaus. Wir wussten, dass wir einander brauchten, und wir wussten, dass die Gegenwart des jeweils anderen, jeden Dienstag für 1,5 Stunden, wichtiger war, als seinen Nachnamen oder seine Telefonnummer zu kennen. Wie bedeutungslos sind diese Dinge angesichts des Gefühls, aus der Welt, aus dem eigenen Leben austreten zu können wie aus einem schlechten Film, bei dem man einfach die Pausetaste drückt.
Ich entschloss mich, die Kinokarten schon zu kaufen, bevor du kamst, und ich entschied mich für einen Krimi. Die Nachmittagsvorstellung war wie immer nicht gut besucht. Ein Krimi würde uns davor retten, inmitten einer Horde mit Popcorn um sich werfender Kinder zu sitzen. Wir einigten uns immer gerne auf Filme mit Altersbeschränkung, obwohl dies oft genug nicht möglich war, da diese Filme meistens erst abends liefen. Doch unsere Zeit war der späte Nachmittag, wenn der Popcornmann über seiner Zeitung einschlief und das Kino angenehm leer war. Die Klos waren noch sauber und niemand störte sich daran, dass ich in der Regel meine Taschenlampe und meine Bücher mitgebracht hatte, um zu lernen.
Dein Haar war rot und dicht, deine Nase sommersprossig und die Augen blassblau. Ich mochte deine schmalen Augenbrauen und die Tatsache, dass du immer schlecht rasiert warst. Jedes Barthaar hob sich ab gegen deine blasse Haut. Ich hab immer an Milchflaschen denken müssen, Milchflaschen mit diesem kleinen Aludeckelchen oben drauf, das man als Kind so gerne durchbohrt. Komplimente dieser Art hast du verstanden. Du warst jünger als ich und es war nicht wichtig. Meine Freundinnen haben nie verstanden, was ich anziehend gefunden haben kann an dir. Wie man mit einem Milchflaschenmenschen einen Film sehen und vielleicht anschließend noch mit ihm schlafen kann, das habe ich ihnen nicht erklären können. Vielleicht hatte das alles irgendwie etwas Nostalgisches. Wie weit sind das Aufpieksen von Milchfalschendeckeln aus Alu und Malzkaffe auf einer Werkstattfensterbank voneinander entfernt?
Als du nicht kamst, habe ich mir den Film alleine angesehen. Das klingt wohl sehr seltsam, aber ich denke, es war das erste Mal, dass ich auf den Film geachtet habe. Meine Bücher blieben in der Tasche, meine Taschenlampe ebenfalls. Ich kaute die Erdnüsse, für die ich den Popcornmann hatte wecken müssen, der die Popcornmaschine noch nicht angeschmissen hatte. Sie wärmen das Popcorn nur noch auf, sie machen es nicht mehr direkt im Kino. Das gehört zu den traurigen Tatsachen unseres Lebens mir war es bisher nicht aufgefallen. Ich hatte dem Studenten, der die Karten abriss, deine Karte in die Hand gedrückt, damit er sie dir geben könnte, wenn du kommen würdest. Der Film war nicht spannend. Ich war allein im Kino. Später kam noch ein älterer Mann, er setzte sich ganz rechts unten in die erste Reihe. Der Platz, der weiter von mir weg war als alle anderen. Ich blickte oft nach rechts, auf den Platz, den ich für dich frei hielt. Wieso habe ich dir in einem leeren Kino einen Platz frei gehalten? Ich weiß es nicht. Ich versuchte mir vorzustellen, wie du sitzen würdest auf diesem Platz, die Beine hochgezogen, die Popcorntüte zwischen den Knien (obgleich es doch heute kein Popcorn gab), das Bier in der rechten Hand, etwas verkrampft, gebannt dem Film folgend, egal wie schlecht er war. Du warst Kinogänger mit Leib und Seele. Es ging nicht um den Film. Es ging um die Süße des Popcorns, die sich mit dem bitteren Bier vermischte, es ging um die ewig gleiche Zigarettenwerbung und dein Husten wegen der staubigen Sitze und der teppichgepolsterten Wände. Du hast nie meine Hand gehalten - du hast mich nicht einmal angesehen. Du bist in die Leinwand abgetaucht wie in einen Strudel. Wenn ich sah, dass du fort warst mit deinen Gedanken, konnte ich meine Bücher und meine Taschenlampe auspacken. Wir fühlten uns ungestört. Die größte denkbare Katastrophe wäre es gewesen, jemanden im Kino zu treffen, der uns gekannt hätte. So etwas ist nie passiert.
Der Tag, an dem du nicht ins Kino kamst, war der perfekte Kinotag. Als ich wieder auf die Straße trat, war der Himmel noch immer grau, doch der Regen hatte aufgehört. Die Kreuzung war nun leerer. Ich nahm die Kapuze ab und atmete die kühle Luft ein. Ich fühlte, wie die Stille in mich drang und mich ausfüllte. Kein Hupen. Kein Scheibenwischerquietschen. Nur Wolken, die sich scheinbar rücksichtsvoll zurückzogen. Ich stellte meine Tasche mit den Büchern neben mir ab, ohne darauf zu achten, dass sie in einer Pfütze landeten. Meine Haare klebten am Kopf. Ich konnte nicht weinen. Einer rief, ich solle weitergehen. Es roch nach Brauerei, und vielleicht, ich weiß nicht, ob ich es mir nachträglich eingebildet habe, auch nach Malzkaffee. Ich verabschiedete mich leise von dir. Es war eine kurze Verabschiedung, denn ich kannte nur deinen Vornamen. Meine Tasche voller Gedanken ließ ich in der Pfütze, als ich ging. Der Notarzt deckte ein Tuch über dich. Milchweiß. Auf einer milchfalschendeckelgrauen Straße.
Vielleicht hast du meine Gedanken noch gefunden. Wenn ja: bitte melde dich bei mir.