Monthly Archives: Januar 2010

Bo Wimmer

Bo ist Quoten-Bayer, Schachspieler und Autor fesselnder Kurzgeschichten, die unserer Realität den Stempel des Wahnsinns aufdrücken. Mit Gedichten wie einem in die Stille niederbayerischer Berglandschaft gebrüllten „Jawollo“ schafft er es wie kein anderer, auf obamaeske Art und Weise Energie auf seine Zuhörer zu übertragen.

Besuch Bo im Netz: http://www.bowimmer.de/

Texte:

Es war ein Mal, das glückliche Wir.

Hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer! Man weiß nie, was passiert.

Es war ein Mal, das glückliche Wir.

ich malte Dir ein Bild,
ich bildete mit Dir ein Band,
ich band Dir ein Heftpflaster um,
ich pflasterte Dir einen Weg,
der aus Gold Deinen Namen tragen sollte,
auf dem ich immer spazierte,
und ich zierte Dich mit hübschen Gedanken,
ich werd Dir immer danken,
für die schönen Augenblicke,
aber ich blicke in eine Zukunft,
ohne Deine Augen.
Wir lagen im Bett,
hundertstundenlang,
ich verlangte nichts mehr,
und nichtig war der Rest,
alles erübrigte sich.
und sichtete ich Dich,
dichtete ich Herz auf Schmerz.
Wir zogen zusammen,
wir siedelten together.
Wir dachten:
wir machen uns für uns schön,
wir machen´s uns schön,
wir verschönern alles, und uns, für uns.
wir, wir renovieren!
Wir putzen erst alles,
dann verputzen wir die Wohnung neu, dann uns,
ich bau uns eine Spüle,
ich spüle für uns ab,
wir spielen zusammen,
Ich schreiner einen Tisch, für uns,
auf dem tischst Du was für uns auf,
ich kaufe ein, Du einigst das Gemüse;
zu einem Auflauf, für uns und gegen das Gemüse!
Ich lauf schnell zur Videothek,
während Du die Kerzen aufstellst, für uns,
und für Dirty Dancing und Fackeln im Sturm!
Wir lieben uns.
In unserer gemeinsamen Wohnung.
Im Herbst sammeln wir Blätter, für die Wohnung,
wir entblättern uns dann gemeinsam, für uns.
Aber jetzt liege ich nackt wach und warte, weil ich nicht schlafen kann, bis Du nach Hause kommst, und blicke auf die Uhr, stell mich aber schlafend, und denke, was ist passiert, das ist doch krank.
Und komme ich heim, dann sitzt du in unserer Küche, neben der Spüle, in der Küche, in der keiner mehr was spielt, und Du liest Illustrierte, und du hast dieses grüne Teil an, in dessen Ausschnitt ich mich immer verlier, und ich sage, hey bella, und du sagst, wo warst du? Und ich sag, im Deli, und ich sag, komm doch her und nimm meine Hand, und du sagst, nein, ich muß morgen früh raus, du bist betrunken und auch, Du stinkst nach rauch.
Danke sag ich, aber ich rieche nach fahlem Dunsthauch, ich sag, ich rieche nach Asche, die kommt aus napoli, die kommt aus dem Land der schönen Vokale, und dahin geh ich jetzt auch wieder, ins Land der EndVokale, ins Deli, nach Napoli, ins Coloseo, ins Trauma, in die nächstbeste Kneipe zu Whisky, Grappa und Ouzo und zu Arno, zu Britta, und charly, daisy, enrico, franka, gitte, hanna, imke, josi oder zu irgendeinem anderen Beau.

Und ich gehe raus, über die Lindenstraße zur Brücke.
Und ich denk, es ist der 8. Dezember 1985, der 5.te Todestag von John Lennon, 18:40 und gerade läuft die erste Folge Lindenstraße, ich bin 8 Jahre alt.
1091 Sendungen, 21 Jahre, 23 Hochzeiten, 10 Scheidungen, 41 Seitensprüngen und viele viele Todesfällen später, denk ich, wenn es nicht mal die im Fernsehen schaffen, nur ein, ein einziges glückliches Paar zu konstruieren, vielleicht, ja, vielleicht gibt es das einfach nicht mehr.
Vielleicht, ja, vielleicht gibt es das einfach nicht mehr.
Ich kenne tausend wege, glücklich zu werden, aber keinen einzigen glücklich zu bleiben.
Wo ist da die Lindenstraße in dem linden Wellenschlagen, Herr Eichendorff?

Und ich geh zurück, und sag,
Mach doch mal nen Schritt zu anderen Seite,
Geh nur einen schritt zu seite,
geh nur einen, einen schritt zur Seite,
Guck mal aus dem Fenster, das ist die Straße, guck mal an die Wand,
dahinter ist das Bad, guck mich mal an, das bin ich,
guck mal hinter Dich, da ist die Küche,
guck um Dich herum und Du glaubst, Alles gesehen zu haben,
aber Dich, Dich hast Du nicht gesehen.
Nein, dich siehst Du nie, warum auch, ich guck doch aus mir raus, sagst Du, reicht das denn nicht, reicht das denn nicht, wenn ich aus mir rausgucke?

Ja, was denn? Ist schon schwer genug hier, jetzt soll das nicht mehr reichen?, sagst Du
Kokolores, sag ich.
Dann geh ich halt einen Schritt zur Seite, dann geh ich eben auf die Straße, dann seh ich mir die Leute an, ich seh sie alle, die Leute, überall laufen die Leute, und tragen Sachen mit sich rum, Schuhe und Hosen, und Mützen und Taschen, und Geschenke, und ich denk mir, bei Gott, wer soll bloß all diese Geschenke bekommen. Die Lieben daheim?
Und ich guck sie mir an, die Leute, und die Leute gucken mich an,
und ich hab keine Geschenke.
Und weil die Leute mich angucken, seh ich mich, ich muß da sein, weil sie mich ja angucken, und sie sind ja auch da, die Leute, mit ihren Geschenken für ihre Lieben, weil ich sie angucke, ich mach die augen zu und da, da bin nur noch ich.
Ich, bin da, auf der Straße, mit den Leute, die Sachen tragen, und ich seh nur noch mich, weil mich keiner mehr sieht, weil ich keinen mehr sehe, und so sieht keiner keinen, aber jeder sich selbst.

Wenn jeder an sich denkt, dann ist an Alle gedacht, denk ich.
Wenn jeder an sich und seine Lieben denkt, dann ist an Alle gedacht, denk ich. Wenn jeder sich sieht, wird keiner übersehen, denk ich.
Wenn jeder sich und seine Lieben sieht, wird keiner übersehen, denk ich.
Und so schließ ich die Augen, und geh über die Straße und werd übersehen und werd fast überfahren, aber Du packst mich am arm, hältst mich zurück, und sagst, Du, ich hab Dir, ich hab Dir ein Bild gemalt.

Hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer! Man weiß nie, was passiert.

Coco Coco Chanel,
ich träumte ich wäre CoCo Chanel,
CoCo CoCo Chanel
Ich tanzte im Kleidchen am Rande der Fläche leise vor mich
ein neuer Tanz schwingt den Rhythmus in die Hüften dieser Stadt
schöne Menschen tanzen überall
und ich fragte mich, wie ich so schön sein kann,
vielleicht noch schöner als all die anderen
und ich tanzte anders, wie junge Römer tanzen,
aber das reichte nicht,
ich schloss die Augen
und träumte mich in ein Kleid aus Seide,
ich verpuppte mich, und als ich die Augen aufmachte,
tanzten alle um mich und riefen,
CoCo Chanel, da ist CoCo Chanel
co-co coco-coco chanel im Seidenkokon
von der Bewunderung rasend, warf ich die Beine in die Luft
und die Massen der Puppen um mich riefen
CoCo Chanel co-co coco-coco chanel co-co coco-coco chanel
tanzt im Seiden-Kokon Cancan für uns.
Vor Glück schloss ich die Augen,
und mit geschlossenen Augen
mitten auf der Fläche des Tanzes stand ich da,
da haben die Massen der Puppen die Puppen bis in die Puppen tanzen lassen.

Überall waren diese umwerfenden Leiber junger Menschen, schöngemacht und hergerichtet, mit langen und mit kurzen Haaren, mit flachen und ganz runden Bäuchen, und alle tanzten und lachten
und wo auch immer ich hinging,
waren die Leute freundlich, mit einem Lachen im leicht verschwitzten Gesicht, hier und da küßten sich ein Paar, manche auch zu dritt.
Aber nie ist mir genug, irgendwie sollte Alles noch schöner und größer sein, und so lies ich überall Krokusse fallen, Krokusse, die nach kokos rochen.
Überall tanzen die Leute auf Blütenblättern und überall rochen sie Kokos, und ich sagte, das ist Nummer 5, das bringt Leben in die Bude.
Und überall intonierten die Leute, Coco Coco-co CoCo Chanel Coco Coco-co CoCo Chanel Coco Coco-co CoCo Chanel tanzt im SeidenKonkon CanCan für uns, läßt uns von KokosKrokussen kosten, Sie ist so cremig, so coral und color, sie ist so schön, ein weiches Wunder dieser Welt mit strenger Eleganz!
Und so haben die Massen der Puppen bis in die Puppen die Puppen tanzen lassen.

Ich war in den Augen der Leuten, ich war in aller Leute Munde, in den Nasen der Leute, aber nach einer kurzen Weile, reichte mir das nicht, alle sollten mich spüren, alle sollten merken, „fashion passes, style remains“,
also stampfte ich Butter an, bis aus allen Winkel tausend Schmetterlinge fliflatterten und alle Tanzpuppen leise mit ihren Flügeln streichelte.
Überall klangen Lustsseufzer und andere Entzückenslaute.
Aber aus dem Entzücken wurde Entsetzen, denn überall, wo gerade keine Schmetterlinge fliflatterten, da zogen sich die Puppen aus und wurden zu Menschen, denen man den Schweiß in Perlen von den Leibern fliessen sah, und sie küßten sich, wo sie sich grad trafen, und leckten sich die salzige Suppe von den Lenden, und fassten sich an,
und ich mittendrin, in meinem sündgeilen seidenkonkon,
mit meinem sündgeilen Seidenkonkon in diesem Schweinestall, ich.
Und ich rannte, ich rannte hinaus, verlor einen Schuh, aber kein Prinz hat ihn gefunden, kein Frosch, kein Schmetterling, es war ein Drosselbart, der mich in einen Turm sperrte.
Und jetzt sitz ich in diesem Rapante-Turm,
gefangen in diesem Scheiß Turm,
laß aus irgendeinem Grund mein langes Haar herunter,
Rotkäppchen spaziert jeden vormittag vorbei,
ICH! gefangen in einem schrecklichen Traum, jeder nennt mich CoCo Chanel und im Seidenkleid glaubt mir keiner meine Männlichkeit.
Und darum ich sag Euch nur eins, hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer, hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer, hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer, man weiß nie was passiert.

Grußworte – Kußworte

Schmatz und Leck-er
Gußworte füllen und Tortenguß
Küße wie Torten
Süße an Orten
wo kaum ein Zuckerbäcker jemals war
wo man Milchschaum selten sah
Wo Schmeichelei der Worte nicht bedarf
und nur der Lippen Haut betrifft;
wer dich trifft,
wenn ich Dich seh,
mein Herz verschifft
nach Übersee!

Christoph Kirschenmann

Christoph ist Vater seiner Kinder, Vater der Lesebühne (die er 2003 gründete) und Vater ausgetexteter 5-Minuten-Comics mit Marburger Lokalkolorit. Wer sich in seinen Geschichten nicht wiederentdeckt, kann nicht von dieser Welt sein.

Texte:

African Accessoires
Blind Date

African Accessoires

Ich sitze auf dem roten Sofa unserer WG, trinke ein Bier und bin sprachlos. Neben mir sitzt Julia. Sie trinkt auch ein Bier und ist ebenfalls sprachlos. Sonja sitzt nicht neben uns. Sie ist in die Küche gegangen und macht sich Spiegeleier. Sie meinte, angesichts der nahenden Katastrophe will sie heute wenigstens „einen“ schönen Moment haben. Und zu schönen Momenten zählen bei ihr eben „Spiegeleier“. Wieso ich das alles erzähle? Weil wir unendlich sauer sind. Und das hat auch einen Grund: Uns wurde die Wohnung gekündigt.

Dabei ist es nicht so, dass wir nicht in der Lage wären, die überteuerte Miete zu bezahlen. Es ist auch nicht so, dass wir uns zerstritten hätten und deswegen die WG auflösen. Und leider ist es auch nicht so, dass wir ausziehen, weil jeder von uns Marburg verlässt. NEIN, nichts liegt ferner. Wir waren auch nicht zu laut oder zu schmutzig, so dass die Vermieter uns deswegen rausschmeißen. Nein, nein. Schuld an allem ist einzig und allein Sebastian. Unsere treue Seele Sebastian. Das Sorgenkind unserer Vierer-WG. Eigentlich ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Wirklich, wer Sebastian kennt, weiß, von wem ich spreche. Gut, er handelt manchmal etwas unüberlegt. Aber eigentlich können wir ihn ganz gut leiden. Außerdem hat Sebastian eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was er in seinem Leben alles verwirklichen möchte. Und dazu zählt sein unbändigender Wunsch, sich selbständig zu machen. Tja, unser Sebastian. Ein richtiger Unternehmer. Wir waren auch alle sehr stolz auf ihn, als er diesen Schritt ging. Schließlich soll es ja mal einer von uns zu etwas bringen, statt nur in Kneipen zu kellnern, Taxi zu fahren oder was man sonst so mit einem Abschluss in Ethnologie und Germanistik machen kann. Das einzige, was Sebastian lange Zeit fehlte, war die richtige Geschäftsidee. Ausgerechnet die aber glaubte er während seines letzten Praktikums in Marokko gefunden zu haben. Als er zurückkam, war er wie ausgewechselt. Seine Augen leuchteten und er redete viel und wirr durcheinander. Er sprach von einer Annäherung der Kulturen und von einem Laden, den er in Marburg eröffnen will. „African Accessoires“ wollte er ihn nennen. Wir waren alle von der Idee begeistert und wünschten ihm viel Glück. Doch schon bald wurde Sebastian wieder ruhiger und wir nahmen an, dass ihn die Motivation verlassen hatte. Dabei waren seine Probleme ganz anderer Natur; er hatte schlichtweg kein Geld, um einen Laden aufzumachen. Die Sparkasse fand seine Geschäftsidee nicht lukrativ genug und gab ihm kein Geld. Und bei anderen Banken bekam er nicht einmal einen Gesprächstermin. Und das, obwohl sich allein schon der Name „African Accessoires“ erfolgversprechend anhört. Die Enttäuschung war Sebastian anzusehen. Wir fühlten mit ihm und sammelten beim Schlucke Quiz-Abend 200 Euro Startkapital, die wir auf einem Sparbuch für ihn anlegten. Aber es tröstete ihn nicht wirklich.

Dann plötzlich, eines Tages hat es doch noch geklappt. Ein paar Bekannte, deren Namen er nicht nennen wollte, liehen ihm Geld. Sebastian blühte auf. Kurze Zeit später kamen Unmengen von Kisten an. Wahnsinn, was da alles ankam. Direkt aus Marokko. Klamotten, Tücher und allerhand anderer Textilien. Sandalen und Bongotrommeln in allen Größen. Massenweise kleine Holzfiguren. Alles handgeschnitzt. Ketten, Ringe, Amulette, farbige Steine, ja sogar Konservendosen. Von denen wir zwar nicht wussten, was drin war, aber das würde mit Sicherheit alles sehr lecker schmecken. Sebastian sagte, jede Stadt habe einen Asia-Laden, in dem man original asiatische Lebensmittel kaufen könne. Warum soll es nicht auch einen Afrika-Laden geben? Ja, genau, warum eigentlich nicht? Bald stand unsere Wohnung voll mit seinen Kartons. Es sah aus wie bei vietnamesischen Zigarettenschmugglern. Wir nahmen es natürlich gelassen hin. Schließlich wollten wir Sebastian gerade in dieser schwierigen Anfangsphase so gut es ging unterstützen. Selbst bei der Suche einer geeigneten Ladenfläche zeigte Sebastian eine glückliche Hand. In der Oberstadt, gegenüber vom Eiscafé Venezia, hat er seinen Laden eröffnet. Wir halfen ihm natürlich beim Renovieren und Einrichten. Am Tag der Eröffnung gab es eine riesige afrikanische Party. Drei Tage lang wurde Eröffnung gefeiert. Am Ende konnten wir uns kaum noch auf den Beinen halten.

Doch mit dem Kater vergingen auch die Tage. Sebastian stand von morgens bis abends in seinem Laden „African Accessoires“. Und mit jedem Tag, der verging, wuchs seine Resignation. Es regnete und es war kalt, als wir vier Wochen später zu ihm gingen. Sebastian saß auf dem Boden neben einer Bongotrommel. Er hatte Grippe und sah sehr angeschlagen aus. In den letzten Wochen verkaufte er gerade mal ein Dutzend CDs mit afrikanischer Folklore und ein paar Ringe und Ketten. Mal abgesehen von den paar Tüten Gras, die er unter der Ladentheke verhökerte. Also trösteten wir ihn wieder, so gut wir es eben konnten.

Julia, Sonja und ich setzen uns neben ihn um ihn zu trösten. „Ach Sebastian, nimm es nicht so schwer. Du hast dein Bestes gegeben. Du hast es versucht. Und nur das zählt.“

„Ja, schon, mag ja sein, aber wie soll ich jemals das viele Geld zurückzahlen?“

„Ach, es finden sich bestimmt Wege, das Geld nach und nach zurückzuzahlen. Außerdem kannst du ja versuchen, all diese afrikanischen Sachen zu Schnäppchenpreisen zu verkaufen, damit du wenigstens deine Ausgaben wieder drin hast. Lass uns gleich morgen mit deinen Bekannten sprechen, die dir das Geld geliehen haben.“

„Das geht nicht“, sagte Sebastian.

„Warum geht das nicht?“ fragte Sonja.

„Die Bekannten seid ihr. Das Geld ist von unserem WG-Sammelkonto. Ich habe die Mietzahlungen der letzten drei Monate zurückgehalten.“

Dann wurde es still. Sonja fand als erste die Worte wieder. Das Wort „Arschloch“ war noch am schmeichelhaftesten. Dann machte sich Panik breit. Vor allem bei mir. Die nächsten Tage standen wir von morgens bis abends zu viert in seinem Laden und telefonierten mit Freunden, Bekannten und Verwandten, um sie zum Kauf von irgendwas Afrikanischem zu überreden. Zwei Wochen später waren wir fix und fertig. Das Geld brachten wir allerdings nicht zusammen, und so war auch die fristlose Kündigung nicht mehr aufzuhalten.

Während wir zusammen sitzen und überlegen, wie es jetzt weitergehen soll, meldet sich Sebastian zu Wort.

„Wenn wir hier ausziehen müssen, haben wir immer noch den Laden, in dem wir wohnen können. Da bleiben wir einfach so lange drin, bis wir den ganzen afrikanischen Nippes wieder verscheuert haben.“

Angesichts der finanziellen Lage, in der wir uns befanden, blieb uns nichts anderes übrig, als darauf einzugehen. So lebten wir fortan in einer Schaufenster-WG. Und jeden morgen, an dem wir in meinem Schlafsack hinter einer Stellwand aus sengalesischen Kuhknochen-Perlen aufwachen um uns kurz darauf an den verfickten Verkaufstresen zu stellen, wünschen wir uns, Sebastian nie getroffen zu haben.

Blind Date

„Au ja!“ rief Sandrine, als sie das Plakat sah: „Blind-Date-Dinner im Szenario. Essen und Trinken Sie im Dunkeln und erleben Sie einen unvergesslichen Abend. Menü für zwei Personen vierzig Euro.“

„Ist das nicht ein bißchen teuer?“ frage ich sie. Doch Sandrine ist da ganz anderer Meinung und sagt, dass man sich ja ab und zu ruhig mal was gönnen sollte.

„Und wenn uns das nicht gefällt, haben wir 40 Euro ins Klo gesteckt. Können wir das nicht erst mal zuhause ausprobieren? Wir können ja Ravioli kochen und dann zum Essen das Licht ausschalten.“

„Ach was, das wird super. Glaub mir“, sagt Sandrine und hat die Sache damit beschlossen. Mir ist aber schon jetzt klar, das wir die Tage danach ohnehin Ravioli essen müssen, um unser Monats-Budget wieder in den Griff zu bekommen. Aber egal. Essen im Dunkeln kenne ich zwar schon, wenn ich nachts versuche, den Kühlschrank lautlos zu öffnen ohne dass gleich die gesamte WG etwas mitbekommt, aber so richtig schick im Restaurant ist mal was neues.

Am Samstag drauf ist es soweit. Vor dem Eingang zum Szenario steht eine gut gelaunte Frau, die hilfreiche Ratschläge über das Essen im Dunkeln erteilt. Dann betreten wir den Raum. Sandrine erschrickt, als sie plötzlich von einem unsichtbaren Kellner angesprochen wird, der uns zu einem freien Tisch begleiten will. Wir setzen uns hin und der Kellner erklärt uns, welche Menüs heute zur Auswahl stehen. Sandrine kann sich, wie immer, nicht richtig entscheiden und fängt an, mit dem Kellner über die Zusammenstellung eines neuen Menüs zu diskutieren, dass sich aus einzelnen Zutaten der zur Verfügung stehenden vier Menüs zusammensetzt. Zum Glück kann sie nicht sehen, wie der Kellner im dunkeln die Augen verdreht, ihr die Zunge rausstreckt und den Mittelfinger zeigt.

Plötzlich fängt unser Sitznachbar an zu lachen und ruft: „Das ist mal wieder typisch für dich. Du konntest dich schon früher nie richtig entscheiden.“

„Oliver? Bist du das?“ ruft Sandrine völlig überrascht.

„Na, klar bin ich es. Schön dich wiederzusehen“, sagt er und lacht, weil es ja schließlich dunkel war.

„Das halt ich nicht aus. Ich will sofort einen anderen Sitzplatz“, meint Sandrine und steht auf. Oliver ist nämlich ihr Ex-Freund, mit dem sie sich ziemlich zerstritten hat. Der Kellner hat Verständnis und führt uns ein paar Meter weiter zu einem anderen Tisch. Dann erzählt mir Sandrine, wie schlimm dieser Oliver doch ist und dass der sich ständig daneben benommen hat, wenn sie früher zusammen ausgegangen sind. Außerdem hatte er die dumme Angewohnheit im Bett zu furzen und seine alten Socken überall in der Wohnung rum liegen zu lassen. Aha, also wie ich, dachte ich mir. „Und außerdem“ meint Sandrine schließlich, „bin ich der Meinung das er fremd gegangen ist.“

„Das stimmt nicht“, sagt plötzlich eine Stimme direkt neben unserem Tisch, worauf wir uns beide erschrecken müssen.

„Ich bin nie fremd gegangen Sandrine, was erzählst du da für einen Müll!“

„Mach sofort, dass du wieder auf deinen Platz kommst. Was fällt dir eigentlich ein, uns einfach zu belauschen.“ Sandrine ist jetzt völlig außer sich.

Um uns herum fangen die Leute an zu lachen. Der Kellner bittet uns etwas leiser zu sein.

„Glaub ihr kein Wort“, ruft mir Oliver noch zu. Was natürlich Unsinn ist, wie er wohl selbst einsehen wird. Denn, wenn ich Sandrine nicht glauben würde, könnte ich mich jetzt genausogut neben Oliver setzen und ihn fragen, wie es denn wirklich war.

Dann serviert uns der Kellner das Essen. Der erste Gang besteht aus einem leckeren italienischen Salat. Dazu gibt es Baguette und Rotwein. Als wir gerade anfangen wollen, meint Sandrine, dass ihr Besteck plötzlich fehlt und dass es eben noch da war.

„Das war bestimmt Oliver!“

„Ach was“, versuche ich sie zu beruhigen, „wir lassen uns einfach neues Besteck bringen.“

Doch in diesem Moment steht sie auf, geht zu Olivers Tisch und versucht, ihm das Besteck aus den Händen zu reißen. Allerdings nicht ohne vorher noch versehentlich in seine Lasagne zu fassen. Auf dem Weg zu unserem Tisch verirrte sie sich im Dunkeln und rannte gegen einen Pfosten. Danach fiel ihr auf, dass sie nicht ihrem Ex-Freund-Arschloch das Besteck weggenommen hat, sondern einem anderen Gast.

Sandrine ist die ganze Sache plötzlich peinlich und sie hat jetzt keinen Hunger mehr und will gehen. Ich überlege noch kurz, ob ich dagegen Einspruch erheben soll, aber das würde an der Situation auch nichts mehr ändern. Außerdem macht es so auch keinen Spaß mehr. Also zahlen wir und gehen.

Elena Anais

Elena war lange Zeit das Gesicht, das Talent und das Gehirn der Lesebühne. Sie ist noch immer Gesicht, Talent und Gehirn, nur inzwischen (leider) in München. Weil München aber nicht Marburg ist, ist sie trotzdem weiterhin gern und oft in Marburg und ein gern und oft gesehener Gast auf unserer Bühne.

Video:


“Schloss Marburg”

Texte:

Sonja, schau doch nicht so mariniert

Der PP

Sonja, schau doch nicht so mariniert

Die Sonne biss Sonja gleißend durch die Fenster in die Augen. Parniert legte sich der Tag auf ihre Glieder und Sonja schüttelte sich kratzende Brotkrumen aus den Haaren, als sie aufstand. Schnell wusch sie sich und wurde knusprig von ihren Klamotten überzogen, bevor sie in die Küche ging. Zum Frühstück gab es Kakao und ein bröseliges Croissant, das sie schlabbernd in die Tasse dippte und hastig hinunterschlang.

Auf dem Weg zur Arbeit zog die Sonnensoße durch, während unter ihr die Stadt, die Autos und der Park prächtig aufgingen und sich sogar noch ein bisschen über ihre gewohnten Maßen wölbten.

Sonja hatte nichts gegen ein wenig Zuviel- die Luft roch gut und frisch, lockte mit einer unverkennbar blauen Süße und Sonja leckte sich über die Lippen, als sie das satte Grün der Wiesen, die Krusten der Bäume und die herrlichen Ecken der Straßen sah. Die Vögel warfen sich wie Sahnehäubchen in die Luft und glänzten wie Kirschen vor dem Weiß der Baiserwolken auf und ab.

Nach der Arbeit bereitete Sonja für sich und Sven einen Auberginen-Hackfleisch-Auflauf zu. Aber es klappte nicht richtig. Die Auberginen wollten nicht wie sie, waren zu weich und locker. Das Hackfleisch enthielt zuviel Wasser und dünstete beim Kochen eine braune Suppe mit schaumigem Film aus. Dazu zerfloss der Käse unter der schmeichelnden Hitze des Backofens nicht in die Breite, sondern mehr in die Höhe, rann in sich zu einer dicken, zähen Masse zusammen und verklebte die schönen Auberginen-Würfel in einer Unart, die dem besten Koch das Mahl versauen konnten. Scheinbar standen die Sterne schlecht.

Und Sven räusperte sich und schob den Teller von sich weg:

„Irgendwie ist mir das zu sandig.“

„Wie?!“

Sonja verschluckte beinahe ihren Kochlöffel der Länge nach.

„Das kann gar nicht sein. Ich habe nur das Mineralsalz aus dem Himalaya verwendet. Dazu schwarze Pfefferkörner mit einem Hauch von Muskatnuss, italienischen Kräutern, besonders Basilikum, gebratenen Zwiebeln und Knoblauch- nagut, der Ingwer kann’s gewesen sein, das Sandige…“

Sven hob abwehrend die Hand:

„Du brauchst mir nicht aus der Bibel erzählen. Guck mal, der Rand ist ganz schwarz.“

„Du brauchst auch nicht davon essen!“ Sonja packte die Auflaufform und warf sie in den Mülleimer.

„Wenn’s dir nicht schmeckt, dann eben basta!“

„Ey, brauchst ja nicht gleich überschäumen…“, wollte Sven Sonja besänftigen, aber sie rannte schon zur Tür und verließ wütend die Wohnung.

Draußen wickelte sie sich vollständig und zur Beruhigung in den aufkommenden Wind ein. Kross lag der Nachmittag in der saftigen Pfanne des Parks. Die Bäume tunkten ihre aufgeweichten Kronen in den abgestandenen Himmel und ließen ihre reifen Blätter mariniert in der Luft brillieren.

Ein Mann mit Hund ging vorbei. Beinahe wurde Sonja bei dem Anblick schlecht. Überall diese wandelnden, abgelutschten Klischees, die, Banausen wie sie waren, ihren Körper mit Imbissbuden Junkfood voll pumpten, ranziges Fett vertilgten und sich ewig und je mit einer schlecht bzw. übergewürzten Standardküche zufrieden gaben. Zum Kotzen so was! Und ihre Hunde, die dumm-bellenden, fetten Rouladen mit Halsband, durften die Resthappen fressen- schade war es bei dem aufgewärmten Dosenessen oder Tiefkühlpäckchen oder Sekundensuppenterrinen eh nicht. Nein, diese unwürdigen, schamlosen Wiederkäuer hatten auf der Welttorte nur die unterste Stufe verdient, wenn überhaupt. Wer die Dummheit auf der Zunge hatte, war eigentlich gar kein Mensch, hatte keine Religion, weder alle Tassen im Schrank, noch alle Erbsen gezählt.

Kopfschüttelnd ging Sonja den Weg entlang bis sie zu einer Wiese kam. In dem Gras wendete sie sich brutzelnd hin und her und bemerkte, wie ihr Hunger immer größer wurde bei dem Anblick der dampfend aufgetanen Erde und der frühen, goldenen Abendhaut, die sich über sie spannte.

„Ich muss meine Lebensphilosophie intensivieren“, beschloss sie.

„Der kulinarische Genuss mit jedem zugänglich gemacht werden. Neben den Arbeits- und Schlafenszeiten müssen feste Kochzeiten eingeführt werden, unter die alles fällt, was dazugehört: Einkaufen, Vorbereiten, Kochen, Essen, Verdauen und nach Belieben auch noch Spazierengehen. Wenn den Menschen mehr Zeit für diese Dinge eingeräumt würden, würde sich das Sozialgefüge und das Glücksgefühl des Einzelnen stärken. Kriege würden beendet und die Liebe und das Gute aufgehen.“

Davon war Sonja überzeugt. Nach diesen Gedanken fand sie, dass der Tag doch gar nicht so schlecht gewesen war. Denn mit dieser Erkenntnis überzuckerte die sinkende Sonne süßlich-rosa die Welt, als Sonja nach ihr griff und sie aufaß.

Der PP

Wir befinden uns in einem dunklen Zeitalter. Seitdem sich der Tempel der Technik vor die Sonne geschoben hat, werden die Schatten länger und gebären Phänomene, die sich den Schlupfwinkeln unserer Welt ausgezeichnet angepasst haben.

Eines davon wandelt unter uns Menschen und bedarf wegen seiner Schwammigkeit näheren Erläuterungen. Es handelt sich kurz gesagt um den PP, lang gesagt um den Parasitenpassagier.

Ein reines Exemplar zu finden, ist höchst selten, aber seine Merkmale sind unverkennbar weit verbreitet.

Der PP steht morgens auf und geht zur Arbeit. Die Art der Tätigkeit ist nicht so wichtig, wie das Gehalt, das mit Erfolg einhergeht.

Der PP muss einen bestimmten materiellen Status repräsentieren, der ihn für die Gesellschaft unentbehrlich macht- am besten ohne groß aufzufallen.

Zum Beispiel steht der PP in jeder Schlange ausnahmslos vorne, ohne sich jemals angestellt zu haben. Die Menschen bemerken ihn nicht. Das liegt an seinem unauffälligen Erscheinungsbild. Er kleidet sich nach der aktuellen Mode- nie zu extravagant, sondern mit einer Gängigkeit zu allgemein herrschenden Kleidungsschnitten und Kombinationen. Immer so, dass er im Moment einen neutralen bis angenehmen Eindruck bei seinem Gegenüber hinterlässt- aber nie einen bleibenden.

Diese nichtssagende Modernheit durchzieht seinen ganzen Lebensstil von Wohnung bis zur Partnerwahl.

Der PP zieht es vor, nicht zu lieben, höchstens aus Versehen im Kindesalter, da es ihn angreifbar macht und zu Dingen verführt, die er nicht fassen kann. Gelegenheit und der Grad der Attraktivität bestimmen seine Partnerwahl- Risiken ausgeschlossen.

Die Menschen, mit denen er sich freiwillig umgibt, seine Freunde, müssen mindestens eine Kategorie erfüllen, in der sie vollkommen überzeugen:

a) ein übertriebenes Gehalt,

b) Beliebtheit in der Öffentlichkeit

Oder c) Erfolg beim anderen Geschlecht.

Um auch auf diesem Marktplatz zu überzeugen, eignet der PP sich Bildung an, damit er zu allem etwas sagen kann. Nichts eigenes, sondern nur, was er gesehen, gelesen oder entfernt gehört hat. Diese Instrumentalisierung von höchstem Bildungsgut führt bei ihm zu einem Instantwissen, das er beliebig aufbrühen und den Leuten einflößen kann. Sein Smalltalk ist geölt und oft passender als erforderlich. Wenn es dann zu freien Diskussion kommt, wird er lieber still, streut noch vereinzelt Sprüche ein, um nicht völlig vergessen zu werden, und sucht schließlich das Weite, das Buffet oder die Toilette auf, deren Schweigen ihm mehr zusagen.

Oft nimmt der PP Kunst als Aushängeschild für Kontakte und Anerkennung. In diesem Zusammenhang fällt deutlich auf, dass der PP selbst keine Kunst kreieren kann, wenn überhaupt nur kopieren, meistens aber kauft er sie.

Der PP ist unfähig sich zu entscheiden und überlässt dies, sofern es möglich ist, anderen. Er nimmt, was kommt, betet an, was aufgeht, und geht mit einer Festigkeit durchs Leben, die anderen Menschen beneidenswert erscheint.

Aber ich- ich habe einen von ihnen gesehen, kenne ihn,

Wir standen am Meer,

Sonnenlicht glitzerte auf den Wogen,

Vom Horizont strich ein Schauer her

Auf mich zu und im Toben

Und Tosen der Wellen sah ich

Meine Seele offen liegen

Und im tiefen Abgrund meinen Geist

Brausend, finster und verschwiegen

Und atmete fasziniert und sehnsüchtig.

Aber wer lief neben mir im Sand umher und schaute gelangweilt auf seine Schuhe?

Der PP.

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