Bo Wimmer
Bo ist Quoten-Bayer, Schachspieler und Autor fesselnder Kurzgeschichten, die unserer Realität den Stempel des Wahnsinns aufdrücken. Mit Gedichten wie einem in die Stille niederbayerischer Berglandschaft gebrüllten „Jawollo“ schafft er es wie kein anderer, auf obamaeske Art und Weise Energie auf seine Zuhörer zu übertragen.
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Texte:
Es war ein Mal, das glückliche Wir.
Hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer! Man weiß nie, was passiert.
Es war ein Mal, das glückliche Wir.
ich malte Dir ein Bild,
ich bildete mit Dir ein Band,
ich band Dir ein Heftpflaster um,
ich pflasterte Dir einen Weg,
der aus Gold Deinen Namen tragen sollte,
auf dem ich immer spazierte,
und ich zierte Dich mit hübschen Gedanken,
ich werd Dir immer danken,
für die schönen Augenblicke,
aber ich blicke in eine Zukunft,
ohne Deine Augen.
Wir lagen im Bett,
hundertstundenlang,
ich verlangte nichts mehr,
und nichtig war der Rest,
alles erübrigte sich.
und sichtete ich Dich,
dichtete ich Herz auf Schmerz.
Wir zogen zusammen,
wir siedelten together.
Wir dachten:
wir machen uns für uns schön,
wir machen´s uns schön,
wir verschönern alles, und uns, für uns.
wir, wir renovieren!
Wir putzen erst alles,
dann verputzen wir die Wohnung neu, dann uns,
ich bau uns eine Spüle,
ich spüle für uns ab,
wir spielen zusammen,
Ich schreiner einen Tisch, für uns,
auf dem tischst Du was für uns auf,
ich kaufe ein, Du einigst das Gemüse;
zu einem Auflauf, für uns und gegen das Gemüse!
Ich lauf schnell zur Videothek,
während Du die Kerzen aufstellst, für uns,
und für Dirty Dancing und Fackeln im Sturm!
Wir lieben uns.
In unserer gemeinsamen Wohnung.
Im Herbst sammeln wir Blätter, für die Wohnung,
wir entblättern uns dann gemeinsam, für uns.
Aber jetzt liege ich nackt wach und warte, weil ich nicht schlafen kann, bis Du nach Hause kommst, und blicke auf die Uhr, stell mich aber schlafend, und denke, was ist passiert, das ist doch krank.
Und komme ich heim, dann sitzt du in unserer Küche, neben der Spüle, in der Küche, in der keiner mehr was spielt, und Du liest Illustrierte, und du hast dieses grüne Teil an, in dessen Ausschnitt ich mich immer verlier, und ich sage, hey bella, und du sagst, wo warst du? Und ich sag, im Deli, und ich sag, komm doch her und nimm meine Hand, und du sagst, nein, ich muß morgen früh raus, du bist betrunken und auch, Du stinkst nach rauch.
Danke sag ich, aber ich rieche nach fahlem Dunsthauch, ich sag, ich rieche nach Asche, die kommt aus napoli, die kommt aus dem Land der schönen Vokale, und dahin geh ich jetzt auch wieder, ins Land der EndVokale, ins Deli, nach Napoli, ins Coloseo, ins Trauma, in die nächstbeste Kneipe zu Whisky, Grappa und Ouzo und zu Arno, zu Britta, und charly, daisy, enrico, franka, gitte, hanna, imke, josi oder zu irgendeinem anderen Beau.
Und ich gehe raus, über die Lindenstraße zur Brücke.
Und ich denk, es ist der 8. Dezember 1985, der 5.te Todestag von John Lennon, 18:40 und gerade läuft die erste Folge Lindenstraße, ich bin 8 Jahre alt.
1091 Sendungen, 21 Jahre, 23 Hochzeiten, 10 Scheidungen, 41 Seitensprüngen und viele viele Todesfällen später, denk ich, wenn es nicht mal die im Fernsehen schaffen, nur ein, ein einziges glückliches Paar zu konstruieren, vielleicht, ja, vielleicht gibt es das einfach nicht mehr.
Vielleicht, ja, vielleicht gibt es das einfach nicht mehr.
Ich kenne tausend wege, glücklich zu werden, aber keinen einzigen glücklich zu bleiben.
Wo ist da die Lindenstraße in dem linden Wellenschlagen, Herr Eichendorff?
Und ich geh zurück, und sag,
Mach doch mal nen Schritt zu anderen Seite,
Geh nur einen schritt zu seite,
geh nur einen, einen schritt zur Seite,
Guck mal aus dem Fenster, das ist die Straße, guck mal an die Wand,
dahinter ist das Bad, guck mich mal an, das bin ich,
guck mal hinter Dich, da ist die Küche,
guck um Dich herum und Du glaubst, Alles gesehen zu haben,
aber Dich, Dich hast Du nicht gesehen.
Nein, dich siehst Du nie, warum auch, ich guck doch aus mir raus, sagst Du, reicht das denn nicht, reicht das denn nicht, wenn ich aus mir rausgucke?
Ja, was denn? Ist schon schwer genug hier, jetzt soll das nicht mehr reichen?, sagst Du
Kokolores, sag ich.
Dann geh ich halt einen Schritt zur Seite, dann geh ich eben auf die Straße, dann seh ich mir die Leute an, ich seh sie alle, die Leute, überall laufen die Leute, und tragen Sachen mit sich rum, Schuhe und Hosen, und Mützen und Taschen, und Geschenke, und ich denk mir, bei Gott, wer soll bloß all diese Geschenke bekommen. Die Lieben daheim?
Und ich guck sie mir an, die Leute, und die Leute gucken mich an,
und ich hab keine Geschenke.
Und weil die Leute mich angucken, seh ich mich, ich muß da sein, weil sie mich ja angucken, und sie sind ja auch da, die Leute, mit ihren Geschenken für ihre Lieben, weil ich sie angucke, ich mach die augen zu und da, da bin nur noch ich.
Ich, bin da, auf der Straße, mit den Leute, die Sachen tragen, und ich seh nur noch mich, weil mich keiner mehr sieht, weil ich keinen mehr sehe, und so sieht keiner keinen, aber jeder sich selbst.
Wenn jeder an sich denkt, dann ist an Alle gedacht, denk ich.
Wenn jeder an sich und seine Lieben denkt, dann ist an Alle gedacht, denk ich. Wenn jeder sich sieht, wird keiner übersehen, denk ich.
Wenn jeder sich und seine Lieben sieht, wird keiner übersehen, denk ich.
Und so schließ ich die Augen, und geh über die Straße und werd übersehen und werd fast überfahren, aber Du packst mich am arm, hältst mich zurück, und sagst, Du, ich hab Dir, ich hab Dir ein Bild gemalt.
Hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer! Man weiß nie, was passiert.
Coco Coco Chanel,
ich träumte ich wäre CoCo Chanel,
CoCo CoCo Chanel
Ich tanzte im Kleidchen am Rande der Fläche leise vor mich
ein neuer Tanz schwingt den Rhythmus in die Hüften dieser Stadt
schöne Menschen tanzen überall
und ich fragte mich, wie ich so schön sein kann,
vielleicht noch schöner als all die anderen
und ich tanzte anders, wie junge Römer tanzen,
aber das reichte nicht,
ich schloss die Augen
und träumte mich in ein Kleid aus Seide,
ich verpuppte mich, und als ich die Augen aufmachte,
tanzten alle um mich und riefen,
CoCo Chanel, da ist CoCo Chanel
co-co coco-coco chanel im Seidenkokon
von der Bewunderung rasend, warf ich die Beine in die Luft
und die Massen der Puppen um mich riefen
CoCo Chanel co-co coco-coco chanel co-co coco-coco chanel
tanzt im Seiden-Kokon Cancan für uns.
Vor Glück schloss ich die Augen,
und mit geschlossenen Augen
mitten auf der Fläche des Tanzes stand ich da,
da haben die Massen der Puppen die Puppen bis in die Puppen tanzen lassen.
Überall waren diese umwerfenden Leiber junger Menschen, schöngemacht und hergerichtet, mit langen und mit kurzen Haaren, mit flachen und ganz runden Bäuchen, und alle tanzten und lachten
und wo auch immer ich hinging,
waren die Leute freundlich, mit einem Lachen im leicht verschwitzten Gesicht, hier und da küßten sich ein Paar, manche auch zu dritt.
Aber nie ist mir genug, irgendwie sollte Alles noch schöner und größer sein, und so lies ich überall Krokusse fallen, Krokusse, die nach kokos rochen.
Überall tanzen die Leute auf Blütenblättern und überall rochen sie Kokos, und ich sagte, das ist Nummer 5, das bringt Leben in die Bude.
Und überall intonierten die Leute, Coco Coco-co CoCo Chanel Coco Coco-co CoCo Chanel Coco Coco-co CoCo Chanel tanzt im SeidenKonkon CanCan für uns, läßt uns von KokosKrokussen kosten, Sie ist so cremig, so coral und color, sie ist so schön, ein weiches Wunder dieser Welt mit strenger Eleganz!
Und so haben die Massen der Puppen bis in die Puppen die Puppen tanzen lassen.
Ich war in den Augen der Leuten, ich war in aller Leute Munde, in den Nasen der Leute, aber nach einer kurzen Weile, reichte mir das nicht, alle sollten mich spüren, alle sollten merken, „fashion passes, style remains“,
also stampfte ich Butter an, bis aus allen Winkel tausend Schmetterlinge fliflatterten und alle Tanzpuppen leise mit ihren Flügeln streichelte.
Überall klangen Lustsseufzer und andere Entzückenslaute.
Aber aus dem Entzücken wurde Entsetzen, denn überall, wo gerade keine Schmetterlinge fliflatterten, da zogen sich die Puppen aus und wurden zu Menschen, denen man den Schweiß in Perlen von den Leibern fliessen sah, und sie küßten sich, wo sie sich grad trafen, und leckten sich die salzige Suppe von den Lenden, und fassten sich an,
und ich mittendrin, in meinem sündgeilen seidenkonkon,
mit meinem sündgeilen Seidenkonkon in diesem Schweinestall, ich.
Und ich rannte, ich rannte hinaus, verlor einen Schuh, aber kein Prinz hat ihn gefunden, kein Frosch, kein Schmetterling, es war ein Drosselbart, der mich in einen Turm sperrte.
Und jetzt sitz ich in diesem Rapante-Turm,
gefangen in diesem Scheiß Turm,
laß aus irgendeinem Grund mein langes Haar herunter,
Rotkäppchen spaziert jeden vormittag vorbei,
ICH! gefangen in einem schrecklichen Traum, jeder nennt mich CoCo Chanel und im Seidenkleid glaubt mir keiner meine Männlichkeit.
Und darum ich sag Euch nur eins, hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer, hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer, hängt Euch keinen Traumfänger ins Zimmer, man weiß nie was passiert.
Grußworte – Kußworte
Schmatz und Leck-er
Gußworte füllen und Tortenguß
Küße wie Torten
Süße an Orten
wo kaum ein Zuckerbäcker jemals war
wo man Milchschaum selten sah
Wo Schmeichelei der Worte nicht bedarf
und nur der Lippen Haut betrifft;
wer dich trifft,
wenn ich Dich seh,
mein Herz verschifft
nach Übersee!
